SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Mittwoch 19. November 2008

Wie sich der Teil zum Ganzen verhält, so die Ordnung des Teils zur Ordnung des Ganzen.
Dante Alighieri

 

Knöllchen-Horst

In der „Netzeitung“ konnte man lesen, wie ein Mann bei der Verfolgung von Parksündern auch Hub­schrauber nicht verschonte. Die Netzeitung nannte ihn einen „übereifrigen Hobby-Polizisten“, einen „agilen Frührentner“, den das Amt „abblitzen“ ließ.

«Knöllchen-Horst» verfolgt Hubschrauber

Mindestens 12.000 Parksünder hat er bereits aufgespürt, sogar einen Rettungshubschrauber hat er angezeigt. Jetzt lässt das Amt den agilen Frührenter abblitzen.
Tatort Osterode am Harz: Der seit Jahren als unnachsichtiger Jäger von Falschparkern tätige «Knöllchen Horst», der sogar einen Rettungshubschrauber im Halteverbot anzeigte, ist jetzt von der Behörde kaltgestellt worden.

Im weiteren Text liest man, „Knöllchen-Horst“ habe in den vergangenen Jahren 12000 bis 20.000 Falschparker angezeigt.

Vielleicht ist das tatsächlich etwas, nun ja, zwanghaft. Aber andererseits ist es völlig unangebracht, diesen Mann zu verspotten. Sein Schicksal machte ihn zum Frührentner, aber er ist weiter aktiv. Unpassend vielleicht, übertrieben vielleicht, aber eines ganz gewiss: Fleißig. Gehen wir davon aus, dass er einen normalen Arbeitstag hat, also acht Stunden, dann gibt es wohl regelmäßig Stunden, in denen er alle sechs Minuten eine Anzeige schreibt.

Hätte die Netzeitung ein bisschen mehr journalistischen Ehrgeiz besessen, hätte sie ein bisschen recherchiert. Ich fände es schon spannend, wie es in der Gegend des „Knöllchen-Horst“ aussieht. Besteht vielleicht Handlungsbedarf, regieren Chaos und Willkür die Strassen? Oder regt sich der Mann grundlos auf? Das ist kaum vorstellbar, hieße es doch, dass durch sinnlose Vorschriften Situationen geschaffen werden, in denen eine Übertretung nur schwer vermeidlich wäre und deshalb nicht verfolgt wird? Wohlgemerkt, 20.000 Verstösse in nur einem Jahr. Nicht mitgezählt die Verstöße, die anzuzeigen keine Zeit mehr blieb!

Gehen wir lieber davon aus, dass gute und richtige Vorschriften missachtet werden. In jener Gegend also stapeln sich vermutlich die Autos. Alle unpassend geparkt, interessiert aber niemand. Und weil es niemand interessiert, verlottert die Gegend. Zuerst werden die Hauswände besprüht, dann die Fenster eingeworfen. Die Ordnungskräfte sind so desinteressiert, dass sie nicht einmal Anzeigen auf dem Silbertablett entgegennehmen wollen. Da kann man sich schon vorstellen, dass sie selbst erst recht keine Lust verspüren, für Ordnung zu sorgen. Ein Durchkommen mit dem Auto ist vermutlich schon länger nicht mehr möglich, daher auch der Rettungshubschrauber. Nur ein Mann kämpft dagegen an, aber der ist nun, wie die Netzeitung so unpassend bemerkt, kaltgestellt. Nicht kalt gemacht, wenigstens.

Glaubwürdig ist die Verächtlichmachung des wackeren Mannes nicht. Allein das Attribut „Knöllchen-Horst“. Das rückt einen anzunehmenderweise unbescholtenen Bürger in ein merkwürdiges Licht. Anständige Menschen haben Vor- und Nachnahmen. „Drei-Finger-Eddie“, „Bananen-Jo“, „Mützen-Charlie“, „Bahnhofs-Udo“, so wollen die meisten nicht heissen. Und dann die Behauptung, er habe einen Rettungshubschrauber beim Falschparken erwischt. Geht das nicht etwas ausführlicher?

Das klingt so bizarr, da hätte ich gerne mehr erfahren. War der Helikopter überhaupt im Einsatz? Oder stand er im Halteverbot vor einer Imbissbude, verlassen, der Rotor längst stillstehend, die Besatzung pflichtvergessen beim Feierabendumtrunk? Soll man das ignorieren?

Vermutlich werden wir es nie erfahren. Ich hüte mich, in das allgemeine Gewieher einzufallen, das auf „Knöllchen-Horst“ niederprasselt. Ich kenne sehr wohl das ohnmächtige Gefühl, das man angesichts unserer anonymen Gesellschaft hat, wenn Tag für Tag die eigene Einfahrt zugeparkt wird, die Autos auf dem Radweg stehen, oder so auf dem Gehsteig, dass man mit dem Kinderwagen erhebliche Umwege fahren muss. Ich schreibe es nochmal: 20.000 Verfehlungen! Das ist kein Jäger, der sich diebisch freut, anderen ihre Verfehlungen nachweisen zu können. Das ist ein Mann, dem es reicht. Und der, zivilisiert genug, nicht zur Selbsthilfe greift, zum Eisenrohr, zur Schrotflinte, zum Farbspray, nein, er greift zum Stift und schreibt Anzeigen. Gottseidank.

Oder die Netzeitung hat mit ihrer diffamierenden Darstellung doch recht, war nur zu faul, das genauer hinzuschreiben, und der Mann ist doch ein Querulant. Ein Spießer. Das ist nicht auszuschliessen und irgendwie jetzt

die beruhigendere Vorstellung.

Bildquelle: de.wikipedia.org, ADAC

 

3 Kommentare zu “Knöllchen-Horst”

  1. artivity sagt:

    Zunächst möchte ich vorausschicken, das erst gestern meine Einfahrt – beliebtes Kurzparkziel abendlicher Tengelmanneinkäufer – wieder für gut 20 Minuten zugestellt war. Ich kann also mitreden 🙂

    Es müsste aber schon ein drastischer Fall sein, bevor ich amtliche Schritte einleiten würde. Meist dulde ich das halbwegs gelassen und wenn mir der Kragen platzt, dann gibts mit fetten Tesastreifen einen Zettel auf die Scheibe gepappt: „Bitte parken Sie nicht in meiner Einfahrt“.

    Spontan neigte ich darum dazu, Dir recht zugeben: ist halt einer, dem es nicht nur reicht, sondern der auch handelt. Zwar nicht à la Hollywood, sondern eher Gulliwut…

    Aber was mich an der Causa Horst dann doch stört, ist dieses ausufernde Ordnungsdenken und die engstirnige Rechthaberei gepaart mit der hinterfotzigen Zurpolizierennerei. In der öffentlichen Diskussion geht das unter. In meiner unbegrenzten Welt der Vorurteile waren genau so die Blockleiter im dritten Reich gestrickt, die dieses System in der Basis förderten und vielen Menschen zum Verhängnis wurden. Nicht unbedingt, weil sie der Partei dienen wollten, aber weil es ihnen die Möglichkeit gab, ihrem kleinen Leben eine Wichtigkeit zu geben.

    Und die Vorstellung, dass Typen wie Horst weiterhin unter uns leben,

    finde ich höchst beunruhigend!

  2. svb sagt:

    Danke für Deinen Kommentar! Es freut mich, mal etwas geschrieben zu haben, wo nicht jeder nur nickt 🙂

    Wie kam es zu meinem Artikel? Über Herrn Horst Frührentner und Hilfssheriff zu lachen ist einfach. Schreibt der Kerl glatt einen Hubschrauber auf. Aber eine meiner Prinzipien ist ja „audiatur et altera pars“. Was geht in dem Mann vor? Ist das seine Therapie, nicht zu Sachbeschädigung zu greifen, zum Beispiel zuerst mit Tesafilm, dann mit Antennen verbiegen und dann mit darüber laufen 😉 letzteres hat vor vielen Jahren einen Freund von mir zu 50 Stunden Arbeit in der Friedhofsgärtnerei verholfen. Nein, der Mann schreibt die Autos auf und bittet um Hilfe. Uns, die Gesellschaft, die sich Regeln gibt und auf deren Einhaltung baut, bzw. deren Repräsentanten.

    Ist Horst nun der moderne Michael Kohlhaas, ein potentieller Blockwart oder Stasispitzel oder ist er einfach nur eine Nervensäge? Vielleicht hat er einfach auch nur einen Dachschaden und wir sollten ihn keinesfalls Dämonisieren. Marie, meine sechsjährige Tochter, fragt ohnehin schon: „Papa, wenn man da nicht parken darf, aber es parkt da immer jemand, wieso darf man da nicht doch eh parken?“ Dämonisieren wir lieber die Schilderaufsteller 🙂

    Was das Verunglimpfen über die Benennung angeht: Man hätte noch Florida-Rolf erwähnen können (der Mann, der in Florida Sozialhilfe aus Deutschland bezieht oder bezog). Oder Porno-Ralle (Stefan Raab über Ralf Schumacher, der Aktien eines Sexunternehmens hatte).

    Preisfrage: Gibt es noch mehr Beispiele?

  3. artivity sagt:

    Deine Beiträge sind halt so unglaublich nickenswert 🙂

    Horst will ich nicht dämonisieren, aber dieses Denken, für das wohl die meisten von uns – und ich schließe mich da durchaus ein – latent anfällig sind, ja, das will ich dämonisieren.

    Und zu Deiner Preisfrage: Hoppel-Heide! Und – nur halb so schön – Teflon-Tiefensee. Was gibts jetzt als Preis?-)

    Gehört jetzt gar nicht hin, aber warum werden Terroristen, die einen Teil des globalen Güterverkehrs auf dem Meer bedrohen, von der westlichen Presse immer noch liebevoll als Piraten bezeichnet?

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