<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>SvB-Blog &#187; Römer</title>
	<atom:link href="http://www.svb.bayern.net/tag/romer/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.svb.bayern.net</link>
	<description>Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)</description>
	<lastBuildDate>Thu, 02 Feb 2012 21:28:25 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3</generator>
		<item>
		<title>Faziale Fakten</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2011/06/17/faziale-fakten/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2011/06/17/faziale-fakten/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 17 Jun 2011 15:40:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Netzwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Gesichtserkennung]]></category>
		<category><![CDATA[Rom]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Software]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=3643</guid>
		<description><![CDATA[Laut der Ärztezeitung leiden überraschend viele Menschen bei uns an einer rätselhaften Krankheit: Prosopagnosie. Nachdem Agnosis ein Nichterkennen und Prosopon das Gesicht ist, muß man nicht Medizin studieren, um zu erraten, um was es hier geht. Es gibt Menschen, die schaffen es nicht, ein Gesicht zu erkennen. Das heißt, sie wissen sehr wohl, daß es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/article/298336/prosopagnosie-unfaehigkeit-gesichter-erkennen-leiden-menschen-angenommen.html?sh=4118&amp;h=424525029" target="_blank"><img class="alignright size-full wp-image-3657" title="facebook" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2011/06/facebook.png" alt="" width="210" height="210" />Laut der Ärztezeitung</a> leiden überraschend viele Menschen bei uns an einer rätselhaften Krankheit: Prosopagnosie. Nachdem Agnosis ein Nichterkennen und Prosopon das Gesicht ist, muß man nicht Medizin studieren, um zu erraten, um was es hier geht. Es gibt Menschen, die schaffen es nicht, ein Gesicht zu erkennen. Das heißt, sie wissen sehr wohl, daß es sich um ein Gesicht handelt &#8211; nur nicht, wem es gehört.</p>
<p>Ein bisschen prosopagnostisch sind wir wohl alle. Wer wenig Asiaten kennt, für den sehen &#8220;die&#8221; doch alle gleich aus. Und von chinesischen Freunden weiß ich zuverlässig, daß es ihnen mit uns Langnasen nicht anders ergangen ist, zumindest, bis sie nach Europa gezogen sind.</p>
<p>Aber auch europäische Gesichter sind nicht immer deutlich einem Namen zuordenbar. Passiert mir ständig. Kennen Sie das? <span id="more-3643"></span>Man sieht jemanden, weiß genau, den kenne ich!, und man kommt einfach nicht drauf, wer das ist und woher man ihn kennt. Das ist kein spezielles Phänomen der Moderne. Schon die alten Römer kannten das. Wer es sich leisten konnte, hielt sich einen speziellen Sklaven, der bei der Promenade in den antiken mondänen Seebädern wie Baiae, Herculaneum, Pompeji, in Cumae oder auf Capri immer hinter seinem Herrn zu gehen hatte, um ihm die Namen aller ins Ohr zu flüstern, die entgegenkamen.</p>
<p>Wer sich den Sklaven nicht leisten kann, der braucht ein Buch, in dem er bei Bedarf nachschlagen kann. Ein Buch mit Gesichtern. Ein <em>Facebook</em>, sozusagen. Die Firma Facebook ist allerdings berühmt für ihr Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Daten seiner Nutzer. Oder im Umgang mit den Daten von Leuten, die jemanden kennen, der einen Facebook-Account hat. Und da Datensensibilität ein Merkmal der digitalen Bohème geworden ist, bekommt Facebook regelmäßig Prügel. Und regelmäßig zu Recht. Aber <em>regelmäßig</em> heißt nicht <em>immer</em>. Seit neuestem kann Facebook nämlich Gesichter erkennen, ist sozusagen von seiner Prosopagnosie geheilt.</p>
<p>Noch vor kurzem mußte man beim Hochladen eines Bildes zu allen abgebildeten Personen den Namen manuell erfassen, wenn man wollte, daß diese Personen mit den Bildern verknüpft werden. Das nennt man &#8220;taggen&#8221;. Die aktuelle Neuerung auf Facebook funktioniert so: Wann immer ein neues Bild bei Facebook eingestellt wird, überprüft Facebook, ob Gesichter darauf vorkommen. Ist dies der Fall, so versucht Facebook, diese Gesicher bei den &#8220;getaggten&#8221; Personen mit Facebook-Account zu finden. Sind diese Personen nun mit dem Nutzer &#8220;befreundet&#8221;, präziser gesagt, in Facebook verknüpft, werden ihre Namen zum Tagging vorgeschlagen. Sonst nicht, übrigens. Dennoch:</p>
<p>Hah! Datenschutz! Kollektive Erregung!! Aber wo genau findet der Datenschutzverstoß statt? Den Datenschutz verletzt, wenn überhaupt, derjenige, der Bilder von Leuten hochlädt, deren Erlaubnis er dafür gar nicht hat. <a href="http://dejure.org/gesetze/KunstUrhG/22.html" target="_blank">§22 KunstUrhG</a>. Und der dann die Namen seiner &#8220;Freunde&#8221; vielleicht gegen deren Willen mit den Bildern verknüpft &#8211; &#8220;Willi Hasenclever, voll besoffen und halbnackt&#8221;. Bezaubernd &#8211; solche Freunde wünscht man sich. Dagegen kann man sich aber ganz einfach wehren: Solche Freunde hat man sich ja <em>ausgesucht </em>(bzw. bestätigt). Löscht man die Verknüpfung, hat sich die Taggerei gleich erledigt.</p>
<p>Ich finde die ganze Sache hochspannend. Leute zu erkennen, von denen man nur ein Photo hat &#8211; bis vor kurzem hätte ich das für völlig unglaubwürdige Science Fiction gehalten. Daß in London angeblich Terroristen auf Videoaufnahmen automatisch erkannt würden, war für mich reine Propaganda. Wenn das dann irgendwann zuverlässig funktioniert, wünsche ich mir das als App für mein iPhone, das mir dann zuflüstern kann, wem ich da grad gegenüberstehe. Das wäre mal</p>
<p class="finish">wirklich praktisch.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2011/06/17/faziale-fakten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wort des Jahres: Bildungskarte</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2011/01/30/wort-des-jahres-bildungskarte/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2011/01/30/wort-des-jahres-bildungskarte/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 30 Jan 2011 16:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungskarte]]></category>
		<category><![CDATA[BKA]]></category>
		<category><![CDATA[Bundessozialministerium]]></category>
		<category><![CDATA[Dekadenz]]></category>
		<category><![CDATA[Hartz IV]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kälte]]></category>
		<category><![CDATA[von der Leyen]]></category>
		<category><![CDATA[Zensursula]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=3271</guid>
		<description><![CDATA[Von Frau von der Leyen kann man viel lernen. Sie verwendet Sprache als Waffe. Propaganda aus ihren jeweiligen Ministerien ist jedesmal nahezu perfekt. Da gibt es keine Zweifel, kein Abwägen, keinen Interessenausgleich. Was Frau von der Leyen in die Welt setzt, ist &#8220;alternativlos&#8221;. Sie setzt sich nicht ein für eine Zensurplattform oder ein BKA-Ermächtigungsgesetz, nein, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/03/vdl.png"><img class="alignleft size-medium wp-image-590" title="vdl" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/03/vdl-233x300.png" alt="" width="233" height="300" /></a>Von Frau von der Leyen kann man viel lernen. Sie verwendet Sprache als Waffe. Propaganda aus ihren jeweiligen Ministerien ist jedesmal nahezu perfekt. Da gibt es keine Zweifel, kein Abwägen, keinen Interessenausgleich. Was Frau von der Leyen in die Welt setzt, ist &#8220;alternativlos&#8221;. Sie setzt sich nicht ein für eine Zensurplattform oder ein BKA-Ermächtigungsgesetz, nein, sie ruft auf zum Schutz unserer Kinder. Sie fordert Kinder auf, Testkäufe zu tätigen und unkorrekte Ladenbesitzer auszuliefern, und spricht man sie darauf an und unterstellt man ihr Stasi-Methoden, so reagiert sie fassungslos, man selbst sei wohl dafür, daß Kindern Alkohol und andere Drogen verkauft würden! Das sei ja wohl viel schlimmer.</p>
<p>Jetzt stand sie vor einer weiteren Aufgabe: <span id="more-3271"></span>Es galt, ein Urteil des Verfassungsgerichts in einen politischen Erfolg umzumünzen. Eigentlich sollte nur die Regelsätze für Hartz-IV-empfangende Kinder besser begründet werden. Die Boulevardpresse machte draus, das Verfassungsgericht habe eine Steigerung der Sätze gefordert. Daß das Blödsinn war, interessiert niemand, schon gar nicht die Opposition, die die &#8220;neue soziale Kälte&#8221; für verfassungsrechtlich beendet erklärte. Wo wir gerade dabei sind: Soziale Kälte: 20 Punkte. Im Gegensatz zu asozialer Kälte vielleicht? Oder im Gegensatz zur sozialen Kuscheligkeit des 19. Jahrhunderts?</p>
<p>Zurück zum Urteil: Die Regierungspartei, nicht faul, reagierte sofort. Frau Merkel erklärte noch schnell, das Urteil sei gerecht und sinnvoll, dann ging sie auf Tauchstation. Lediglich Herr Westerwelle versuchte, mit der spätrömischen Dekadenz einen kläglich Hinweis darauf zu geben, daß es neben Brot und Spielen bei uns vielleicht einfach auch noch andere Themen geben sollte. Das exakte Zitat war: &#8221;Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.&#8221; Was war daran eigentlich auszusetzen? Der Satz ist richtig, das heißt, er wäre es, wenn es so etwas wie &#8220;spätrömische Dekadenz&#8221; gegeben hätte. Dekadent waren die Römer in der späten Republik und der frühen Kaiserzeit. Wann war der bluttriefende Cinna? Wieso kam ein Julius Cäsar an die Macht? Und war es das wehr- und tugendhafte Bauernvolk der Römer, denen Nero die Stadt anzündete? Nein, die Dekadenz war in der Zeit 100 Jahre vor bis 100 Jahre nach Christus besonders ausgeprägt. Aber das war ja auch die Zeit des anstrengungslosen Wohlstands &#8230; was also genau wollte Westerwelle nicht? Es blühten die Künste, das Volk überbot sich im Ersinnen immer ausgefallener Lüste und Belustigungen, Rom hatte seine prachtvollsten Zeiten. Nach dieser Zeit ging erst noch weiter aufwärts &#8211; unter Trajan sollte das Reich die größte Ausdehnung haben, aber auch weitere hundert Jahre lang noch war Rom der Nabel der Welt. Das änderte nicht die Dekadenz: Spätrom sollte am Christentum untergehen. Also von Anstrengung, Buße und Opferbereitschaft. Spätrömische Dekadenz: 19 Punkte.</p>
<p>Was hat dies alles mit Frau von der Leyen zu tun? Sie bemerkte die thematischen Tretminen, das Terrain war verseucht, nur dummerweise fiel es in ihr Ressort. Mehr Geld für die prekären Schichten kostet konservative Wähler und stärkt die FDP. Weniger Geld für Bedürftige spielt der Linken die Hände, selbst wenn die SPD wieder mal zu selbstbeschäftigt ist, die Chance zu ergreifen. Nichts tun geht auch nicht, das Verfassungsgericht darf man nicht ignorieren, will man der Opposition nicht ein großes Ass in den Ärmel stecken. Hier steckt die große Begabung dieser Frau: Sie investiert das Geld in Bildung. Bildung ist gut, das enthält Zukunft und Kinder und Aufstiegschancen und die Gelegenheit, noch einmal zu betonen, daß eigentlich jeder seines Glückes Schmied sei: Solange jeder sich weiterbildet, geht es uns allen immer besser.</p>
<p>Das war natürlich alles nur Fassade. Für Bildung ist die Gute ja nicht zuständig, es geht doch um die Höhe der Sozialhilfe. Mit der &#8220;Bildungskarte&#8221; können sozial schwache Kinder aber ins Schwimmbad, sagt die Ministerin. Oder in die Musikschule. Oder auf den Bolzplatz. Oder in die Bibliothek. Das alles bildet sicher ungemein. Das Schwimmbad? Das ist Gemeindesache &#8211; wenn eine Gemeinde will, kann sie doch einen Nachmittag in der Woche allen Kindern den Eintritt für einen Groschen geben. Das ist sozial und sinnvoll, aber dazu bedarf es dieser &#8220;Bildungskarte&#8221; nicht.</p>
<p>Musikschule? Nicht das Ressort von Frau v.d.L. Zu meiner Schulzeit war der Instrumentalunterricht zumindest an bayerischen Schulen kostenlos. Nicht jedes Instrument und kein Einzelunterricht, aber immerhin kostenlos, incl. Leihinstrument, falls erforderlich. Unterricht ist aber aus gutem Grund Ländersache und untersteht nicht dem Bundessozialminister. Außerdem: sehr weit wird man bei Musikschulen mit dem Betrag, um den es bei der &#8220;Bildungskarte&#8221; geht, eh nicht kommen. Bolzplatz? Einer, der Eintritt kostet? Kenne ich nicht. Sollen die Kinder halt im Park kicken. Bibliothek? Seit wann kostet die denn Eintritt? Ansonsten: Siehe Schwimmbad. Ich glaube nie und nimmer, daß Kinder aus prekärem Umfeld nur deshalb nicht in die Bibliothek gehen, weil sie es sich nicht leisten können, und daß nun die paar Euro von der Bildungskarte irgendetwas ändern. Statt dessen fehlen den Bibliotheken die dringend benötigten Zuschüsse, für Öffnungszeiten und Ankäufe, um attraktiv im Wortsinn zu sein. Aber hier würde Frau v.d.L. vermutlich feinsinnig bemerken, es fiele nicht in ihre Zuständigkeit. Sag ich doch gerade!</p>
<p>Die ganze Aktion ist eine häßliche Mischung aus Aktionismus und Dirigismus, ein ärgerlicher Versuch, selbst aus einem unerwünschten Urteil noch propagandistisch politisches Kapital zu schlagen. Und mit Bildung hat sie nichts zu tun.</p>
<p class="finish">30 Punkte für diesen Zynismus</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2011/01/30/wort-des-jahres-bildungskarte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zwischen den Jahren</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2010/12/30/zwischen-den-jahren/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2010/12/30/zwischen-den-jahren/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Dec 2010 18:47:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Silvester]]></category>
		<category><![CDATA[Spass]]></category>
		<category><![CDATA[Sylvester]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=3043</guid>
		<description><![CDATA[Das Jahr 2010 ist noch nicht vorbei &#8211; aber das hat das Fernsehen nicht daran gehindert, bereits jede Menge Jahresrückblicke zu senden. Was passiert eigentlich, wenn noch was passiert? Fällt das dann in die Zuständigkeit des Rückblicks 2011? Oder ist das wie im Alten Rom, wo nach dem Januar die Consuln die Arbeit einstellten, damit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-medium wp-image-3097" title="Grenzstein" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/12/Grenzstein-225x300.png" alt="" width="225" height="300" />Das Jahr 2010 ist noch nicht vorbei &#8211; aber das hat das Fernsehen nicht daran gehindert, bereits jede Menge Jahresrückblicke zu senden. Was passiert eigentlich, wenn noch was passiert? Fällt das dann in die Zuständigkeit des Rückblicks 2011? Oder ist das wie im Alten Rom, wo nach dem Januar die Consuln die Arbeit einstellten, damit zu Jahresbeginn, also damals am 1. März, das neue Team sofort loslegen konnte und sie sich nicht mit Altlasten ihrer Vorgänger herumschlagen mußten. Daher stammt übrigens auch der Name Ianuarius: Der römsiche Gott Janus hatte vorne und hinten ein Gesicht und konnte gleichzeit nach hinten sehen, ins Amtsjahr des scheidenden Consuls, und nach vorne,  ins Amtsjahr des kommenden. Mögliche wichtige Ereignisse zwischen Januar und März wurden so auch von der Geschichtsschreibung ignoriert. Passiert ist vermutlich tatsächlich nicht viel, die Römer feierten ausgelassen und recht alkoholreich das kommende Jahr. Ab März war alles anders. Da der März der erste Monat war, ist auch klar, wie die Monate September bis Dezember zu ihren Namen kamen, es waren wirklich die Monate sieben bis zehn.</p>
<p><span id="more-3043"></span>Das römische Jahr ging übrigens in der Republik nach dem Mond &#8211; ein Ausdruck für Rückständigkeit, den wir über 2000 Jahre später noch verwenden. Das Mondjahr hat rund 355 Tage und die römischen Monate waren jeweils gute vier Wochen, also meist 29 Tage lang. Am 23. Februar war das Jahr zuende. Danach kam der Monat &#8220;zwischen den Jahren&#8221;, <em>mensis interkalaris</em> und er kann seine griechisch-etruskische Herkunft nicht verleugnen, da er wie die <em>Kalendae</em> ein &#8220;k&#8221; enthält. Die Schreibweise <em>intercalaris</em> ist erst im Kirchenlatein aufgekommen und <em>Calendar</em> gibt es nur auf Englisch. Bis heute hat es sich erhalten, die Zeit vor Neujahr als &#8220;zwischen den Jahren&#8221; zu bezeichnen, was aber heute einer anschaulichen Vorstellung entbehrt.</p>
<h3>Götter &#8230;</h3>
<p>Bis heute gerettet hat sich auch ein Gott aus dieser Zeit. Ein kleiner unscheinbarer Gott, dem der 23. Februar gewidmet war. Es war der Gott Terminus, der Gott der Grenzen, der auch für die Jahresendgrenze zuständig war, der also das reguläre Jahr <em>terminierte</em>, vielleicht sanfter als Arnold Schwarzenegger als Terminator. Die Götterbilder des Terminus dienten als Grenzsteine. Der Brauch war, jedes Jahr an den Terminalien alle Grenzsteine des eigenen Grundes aufzusuchen und dort Blumen abzulegen und etwas Wein auf den Stein zu schütten als Opfer. Den Rest des Weins trank man, am besten mit den Nachbarn, die ja auch irgendwann vorbeikamen am Grenzstein. Ein gemeinsam an der Grenze getrunkenes Glas Wein verringert die Gefahr von Grenzstreitigkeiten sicher enorm &#8211; ein schöner Brauch. Den Zeitpunkt der Terminalien hatte jeder im Kopf, jeder kannte also diesen einen Termin &#8211; und dass wir heute &#8220;ein Meeting terminieren&#8221; im Sinne vom Festlegen eines gemeinsamen Zeitpunkts für ein Treffen ist eine sprachliche Grausamkeit der besonderen Art.</p>
<p>Zurück zur Zeit &#8220;zwischen den Jahren&#8221;: Nach den Terminalien arbeitete niemand mehr, im Gegenteil, jeder anständige Römer feierte ausgelassen und war vermutlich betrunken. Bis zum ersten März, ad Kalendas Martii. Ein Fest von ungewisser oder besser willkürlicher Dauer, denn letzlich war es ein Politikum. Auch wenn die Consuln nicht mehr arbeiteten, die Steuerpächter, Volkstribunen und sonstigen Politiker wollten gewöhnlich ihre Amtszeit so lang wie möglich hinauszögern und so soll es vorgekommen sein, daß der für den Kalender zuständige Mann unter Druck geriet. Es handelte sich dabei um niemand geringeren als den Pontifex Maximus, den Obersten Priester Roms.</p>
<h3>&#8230; und Priester</h3>
<p>Einer der bekanntesten Pontifexe war Gaius Iulius Caesar. Er entrümpelte das Kalendersystem, inspiriert von den Ägyptern oder vielleicht auch nur von einer einzelnen Ägypterin namens Kleopatra, wer weiß. Jedenfalls geht auf ihn das System zurück, daß die Monate alternierend 31 bzw. 30 Tage haben (Martius 31, Aprilius 30, Maius 31, Iunius 30, Quintilis 31, Sextilis 30, Septembrius 31  usw.). Der September war immer noch der siebte Monat, der Dezember der 10. und der Quintilis der fünfte. Quintilis? Ja, dieser Monat war der Geburtsmonat des Juliers Gaius Iulius Caesar und so entstand, ihm zu Ehren, der Monatsnamen Juli. Wenig bekannt ist die Tatsache, daß Caesar das System zwar richtig eingeführt hat in einem kalendarisch etwas verworrenen Jahr 45 v.Chr., für Caesar natürlich das Jahr 708 a.u.c., aber niemand hatte richtig zugehört. Die Römer feierten den Schalttag alle drei Jahre. Augustus erkannte schon, dass das schnell aus dem Ruder lief und ließ drei Schaltjahre ausfallen und reparierte das System. Deshalb und wegen der großen Verehrung, die das römische Volk seinem ersten Imperator entgegenbrachte, wurde der Sextilis ebenfalls umgenannt und hieß ab dem Jahr 745 a.u.c (8 v. Chr.) Augustus.</p>
<h3>&#8230; und Altlasten</h3>
<p>Daher rührt auch diese Merkwürdigkeit, daß wir zum Abzählen der Monate mit 31 Tagen unsere Handknöchel brauchen. Der Sextilis hatte ja nur 30 Tage. Das ging gar nicht, daß der Julius den Augustus um einen ganzen Tag ausstach. Daher kehrte sich die alternierende Reihe im August um, nun hatte dieser 31 Tage, der Sempter dafür nur noch 30 usw. Die Programmierer hassen diese imperialen römischen Speichellecker dafür heute noch, denn außer</p>
<p style="text-align: left; padding-left: 60px;"><code>int days[] = { 31, 28, 31, 30, 31, 30, 31, 31, 30, 31, 30, 31 };<br />
if(schaltjahr()) { ++days[1]; }</code></p>
<p>gibt es kaum eine elegante programmiererische Lösung für das Abzählen von Tagen für irgendwelche langweiligen Fälligkeitsberechnungen etc. Aber andererseits wissen alle Anglophonen, daß Programmierer ohnehin mit Kalendern ihre Schwierigkeiten haben und Halloween und Weihnachten nicht auseinanderhalten können. Jeder Programmierer weiß schließlich:</p>
<p class="finish">25 DEC == 31 OCT</p>
<p>Übersetzt: Dezimal 25 ist Oktal 31, also 31 zur Basis 8 (3 x 8 + 1 = 25).</p>
<p><em>Bildquelle: Schöner altrömischer Grenzstein, aber leider gefälscht. Überführen Sie den Fälscher? Einsendeschluß sind die Iden des Ianuarius, 2763 a.u.c. Zu gewinnen gibt es nichts.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2010/12/30/zwischen-den-jahren/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Fremde</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2010/10/21/fremde/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2010/10/21/fremde/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 22:15:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Atatürk]]></category>
		<category><![CDATA[Griechen]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Pharisäer]]></category>
		<category><![CDATA[Politiker]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Schlampe]]></category>
		<category><![CDATA[Schröder]]></category>
		<category><![CDATA[Seehofer]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Türken]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=2790</guid>
		<description><![CDATA[Zur Zeit läuft eine verlogene und völlig hysterische Diskussion zum Thema &#8220;Ausländer, Zuwanderung, Kultur und Islam&#8221;, die auf allen Ebenen geführt wird. Ich wäre daran verzweifelt, hätte ich nicht hie und da besonnene Analysen gelesen, Aufrufe zur Mäßigung oder schlicht Richtigstellungen der öffentlichen Äußerungen. Dieser Auseinandersetzung Stammtischniveau zu unterstellen, beleidigt manchen Stammtisch. Zunächst: Was genau [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/10/General_Mustafa_Kemal.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-2803" title="General_Mustafa_Kemal" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/10/General_Mustafa_Kemal-215x300.jpg" alt="" width="215" height="300" /></a>Zur Zeit läuft eine verlogene und völlig hysterische Diskussion zum Thema &#8220;Ausländer, Zuwanderung, Kultur und Islam&#8221;, die auf allen Ebenen geführt wird. Ich wäre daran verzweifelt, hätte ich nicht hie und da besonnene Analysen gelesen, Aufrufe zur Mäßigung oder schlicht Richtigstellungen der öffentlichen Äußerungen. Dieser Auseinandersetzung Stammtischniveau zu unterstellen, beleidigt manchen Stammtisch.</p>
<p>Zunächst: Was genau ist das Problem? <span id="more-2790"></span>Vieles geht auf Xenophobie zurück.</p>
<h3>Xenophobie</h3>
<p>Ξένος (Xenos) war für die alten Griechen das Wort für &#8220;Gast&#8221; und für &#8220;Fremder&#8221;. Das findet man auch in touristisch erschlossenen Gegenden in Deutschland, wo es Fremdenzimmer gibt und &#8220;Fremde&#8221; gleichbedeutend sind mit &#8220;Kunden&#8221;. Auf andere bei uns wirkt Fremdheit allerdings bedrohlich.</p>
<p>Interessant ist es auf Lateinisch: Die Römer hatten noch eindeutige Feinde: <em>Hostis</em> nannten sie so einen. Da die Römer nach der beeindruckenden Entfaltung ihrer Macht außerhalb Roms nur noch Feinde sehen konnten, die &#8220;pazifiziert&#8221; werden mußten, also &#8220;befriedet&#8221;, war <em>hostis</em> auch das Wort für &#8220;Fremder&#8221;. Und ein Fremder war kein Gast, der hieß, fein differenziert, <em>hospes</em>.</p>
<p>Aber das galt nur für die alten Römer. SpaceNet, die Firma, für die ich arbeite, ist ein Spezialist für <em>Hosting</em>. Darunter versteht man im Computerneusprech die Beherbergung von Daten oder Servern, sogenannten <em>hosts</em>. Also doch Beherbergung. Aus dem <em>hospes</em> wurde das Hospital. Aber <em>hostis</em> gibt es noch, zum Beispiel im Wort &#8220;Hotel&#8221;. Und darunter verstand man noch nie ein Kriegsgefangenenlager.</p>
<h3>Phobien sind Ängste</h3>
<p>Es ist also eine abendländische Tradition, in Fremdem auch immer etwas bedrohliches zu sehen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Auf türkisch ist das, zumindest sprachlich, nicht zu bestätigen. Fremd ist yabancı. Gast ist misafir. Oder müşteri, aber das ist eher ein Kunde. Düşman ist der Feind. Oder hasım, was lustig ist, denn das ist eng verwandt mit hısım, so heißt &#8220;der Verwandte&#8221;. Wie man sieht, eine völlig fremde Kultur, denn ich mag meine Verwandten. Die meisten jedenfalls. Leider kann ich kein Arabisch, aber ich vermute sehr stark, daß die sprachlich nachzuweisende Xenophobie dort auch nicht verbreitet ist. Und um vollendet in Klischees zu schwelgen, denke ich an Beduinen, die in ihren Zelten sitzen, es ist ihnen fad, und sie freuen sich total, daß ein Fremder des Wegs kommt, der ihnen schöne Geschichten erzählen kann.</p>
<p>Bei uns ist das anders. Die christliche Tradition hat bei uns das Problem, daß sie beinahe nur noch das ist: Eine Tradition. Eine starke Glaubensgemeinschaft ist das Christentum in Deutschland nicht mehr. Kirchen stehen leer, Kinder werden nicht mehr getauft, und Mystik ist zwar en vogue, aber dann bitte in irgendwelchen exotischen Varianten. Leute treten wegen des Verhaltens von Priestern &#8211; also Menschen &#8211; aus der Kirche aus. Wer das kann, war vorher schon nicht mehr wirklich <em>in</em> der Kirche.</p>
<p>Wie ist das denn nun mit der Türkei? Kemal Atatürk, der Staatsgründer, ist nicht unumstritten, aber eines hat er sicher geleistet: Er hat aus der Türkei ein westliches Land gemacht. Dafür hat er einiges an Tradition geopfert, aber das ignorieren wir im Westen beharrlich. So hat er die lateinische Schrift eingeführt (vorher wurde Türkisch in arabischer Schrift notiert), er hat den Männern westliche Hüte aufgesetzt und ihnen Fes, Turban und Pluderhose weggenommen, und das ist wörtlich zu verstehen. Er hat auch Dinge zu verantworten, über die zu richten uns nicht zusteht, denn während er sich mühte, einen modernen, demokratischen Staat zu gründen, brach bei uns gerade die Barbarei aus.</p>
<h3>Fremde Kulturen</h3>
<p>Somit sollte man vielleicht einmal innehalten und fragen, ob wir überhaupt die Türken meinen, wenn wir von fremder Kultur reden. Für Horst Seehofer sind Araber und Türken irgendwie dasselbe, wenn er den Zuzug von &#8220;dort&#8221; begrenzt sehen will. Aber den sollte man hier nicht zu ernst nehmen, das ist kein Rechtspopulist, wie man hörte, sondern ein Opportunist. Der gleiche Mann ist für die Frauenquote, für und gegen die Gesundheitsreform, gegen die Rente mit 67 und gegen Moslems (und da dies politisch nicht korrekt ist, dann eben gegen &#8220;fremde Kulturen&#8221;, womit er aber deutlich sichtbar nicht Buddhisten, Shintoisten oder gar amerikanische Fundamentalisten meint).</p>
<p>Auch Thilo Sarrazin hat sich auf Araber und Türken spezialisiert, wenngleich mit weit höherem intellektuellen Anspruch. Doch auch er liegt falsch, viele &#8220;Türken&#8221; sind längst Deutsche in zweiter Generation. Und die Araber, die ich sehe, sind nicht nur seine Kopftuchmädchen produzierenden Gemüsehändler, sondern es sind die Leute, ohne die die Münchener Maximilianstrasse zugemacht hätte (womit ich die neuen russischen Verdienste nicht schmälern will). Vural Öger hat es auf den Punkt gebracht. Er sagt, es gehe nicht um ein Islamproblem, sondern um ein Unterschichtenproblem. Dem wäre nichts hinzuzufügen. Oder doch?</p>
<h3>Integration</h3>
<p>Vielleicht wäre das mit der Integration auch nicht so schwierig, wenn wir uns selbst als etwas präsentieren würden, in das man sich integrieren kann. Was ist denn nun unsere christlich-abendländische Kultur? Im Fernsehen werden wir kulturell nicht fündig. Es gibt RTL und Co., das ist nicht unsere Kultur, hoffentlich, und es gibt Arte, aber das ist auch nicht unsere Kultur, sonst gäbe es da mehr Zuseher. In der Kirche kommen wir auch nicht weiter. Auch wenn wir Weihnachten feiern: spätestens an Ostern blättert der kulturelle Lack, wenn diskutiert wird, daß Diskotheken an Karfreitag aufhaben sollen. Tradition? Anstatt auch Symbole anderer Religionen zuzulassen, hängen wir in den Klassenzimmern sicherheitshalber die Kruzifixe ab.</p>
<p>Sind wir denn wenigstens stolz auf unsere Demokratie? Die haben die Türken auch. Pressefreiheit? Das BKA macht Pressekonferenzen, bei denen nur handverlesene Journalisten informiert werden &#8211; kein Anlaß, auf die Türkei herabzuschauen. Immerhin haben wir es dieses Jahr bei der Pressefreiheit glatt auf Platz 17 geschafft &#8211; vom Platz 1 sind wir weit entfernt. In der Türkei werden Kurden heute diskriminiert. Nun ja, bei uns auch, wenn wir ehrlich sind.</p>
<h3>Islamophobie</h3>
<p>Nach all dem ist klar geworden: Es geht nicht um fremde Kulturen. Oder fühlt sich jemand von den zahlreichen Chinesen hier bedroht? Es geht um den Islam, eine Religion, die mit Feuer und Schwert verbreitet werden soll, in deren Namen getötet wird und die angeblich Frauen diskriminiert. Doch halt! Das ist vom Christentum nicht so weit weg. Alles auf 9/11 zu schieben ist auch nicht rational &#8211; die Islamophobie ist älter. Vermutlich führen wir alle im Hinterkopf eine lange Liste: Die Befreiung Spaniens von den Mauren. Die Kreuzzüge, die das gelobte Land unter christliche Gewalt bringen sollten (und da nehmen wir den Moslems vermutlich übel, dass sie nicht alles gleich freiwillig hergegeben haben). Aber dann, ha! die Türkenkriege. Der Gegenbesuch, sozusagen. Saladin der Prächtige &#8211; es hätte beinahe geklappt, und da wäre die fremde Kultur tatsächlich was bedrohliches gewesen. Was davon blieb, wissen wir: Die Kaffeehauskultur, die es immerhin ein Vierteljahrtausend gegeben hat, bis sie von der Starbuckisierung dahingerafft wurde &#8211; noch ein schönes Beispiel für bedrohliche  fremde Kulturen.</p>
<p>Zurück zu der Aussage von Herrn Öger: Es gibt kein Islamproblem, es gibt ein Unterschichtenproblem. So haben, nach Angaben unserer derzeitigen Familienministerin, Frau Schröder, türkische Jugendliche zur ihr gesagt, sie sei eine deutsche Schlampe. So drückt sich die Unterschicht heute aus &#8211; unterirdisches Benehmen. Aber Frau Schröder sieht nicht die gesamte Aussage, ihr reicht ein Stichwort: Sie sieht, wie einem Zeitungsinterview zu entnehmen war, eindeutig den Tatbestand des Rassismus erfüllt. Rassismus? Weil die Knaben <em>deutsche</em> Schlampe gesagt haben? Wäre Frau Schröder denn wieder versöhnt, wenn man sie einfach nur neutral als Schlampe bezeichnet hätte? So etwas als Rassismus zu bezeichnen ist eine ziemliche Verharmlosung des Rassismus. Darüber könnten wir hier trefflich wieder monatelang diskutieren. Und die Frage stellt sich nach wie vor: Diese Jugendlichen mit dem unsäglichen Migrationshintergrund an den Berliner Messerstecherschulen,</p>
<p class="finish">wo hinein genau sollen sich die denn nun integrieren?</p>
<p><em>Bild: Mustafa Kemal Atatürk</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2010/10/21/fremde/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Faktische Fiktion</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2010/07/26/faktische-fiktion/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2010/07/26/faktische-fiktion/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 09:27:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Etymologie]]></category>
		<category><![CDATA[Fax]]></category>
		<category><![CDATA[Griechen]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelhochdeutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Telefax]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=2590</guid>
		<description><![CDATA[&#8220;Fixer Faxen&#8221; hieß einmal eine Firma, spezialisiert darauf, möglichst schnell möglichst vielen Menschen ein Fax zu schicken. Kein Wunder, dass die Firma wieder eingegangen ist, sie wird nicht mehr wirklich benötigt, seit das Internet das Verbreitungsmedium schlechthin ist. Der Name war aber gut gewählt, ich habe ihn mir gegen meinen Willen bis heute gemerkt. Woher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/07/Fickmühlen.jpeg"><img class="alignright size-full wp-image-2611" title="Fickmühlen" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/07/Fickmühlen.jpeg" alt="" width="145" height="141" /></a>&#8220;Fixer Faxen&#8221; hieß einmal eine Firma, spezialisiert darauf, möglichst schnell möglichst vielen Menschen ein Fax zu schicken. Kein Wunder, dass die Firma wieder eingegangen ist, sie wird nicht mehr wirklich benötigt, seit das Internet das Verbreitungsmedium schlechthin ist. Der Name war aber gut gewählt, ich habe ihn mir gegen meinen Willen bis heute gemerkt.</p>
<p>Woher kommt &#8220;Fix&#8221;, woher kommt &#8220;Fax&#8221;? Fix ist nicht so trivial, wie man zunächst meinen möchte. <span id="more-2590"></span>Genau genommen sind sogar Experten vrmutlich auf dem Holzweg. Lateinisch <em>fixare </em>ist natürlich kein schlechter Ansatz. Etwas befestigen, fixieren. Etwas, das man hinten anheftet (&#8220;Suffix&#8221;), vorne (&#8220;Präfix&#8221;) oder am Kreuz (&#8220;Kruzifix&#8221;). Wer einen klappernden Fensterladen wieder befestigt, wird sagen, er habe ihn repariert, fixiert, oder neudeutsch auch &#8220;gefixt&#8221;. Ist alles erledigt, ist es &#8220;fix und fertig&#8221;. Daher war die erste Bedeutungsübertragung möglich, ein fixer Bursche war einer, der Sachen eben auch fertigbrachte. Das nannte man früher &#8220;anstellig&#8221;. Aber immer noch geht es primär um die Qualität der Arbeit, nicht um die Zeit, innerhalb derer sie verrichtet wurde.</p>
<p>&#8220;Fix&#8221; als Synonym für &#8220;flink&#8221; ist so nicht hinreichend erklärt. Eine eindeutige Herleitung konnte ich nicht finden, aber einen Verdacht habe ich durchaus. Dazu riskiere ich mal schnell die Jugendfreiheit meines Blogs: Es gibt einen mittelhochdeutschen Ausdruck, der eine lustige Karriere hingelegt hat. Bewegt man etwas schnell hin und her, so ist das Wort dafür *hüstel* <em>ficken</em>. Es teilt sich den Stamm mit so harmlosen Wörtern wie &#8220;fegen&#8221;, aber irgendwo im indogermanischen Sprachgedächtnis schlummert sogar eine Verwandtschaft zu den Vögeln. Ich spare mir den Kalauer, nun zu fragen, was ficken mit Vögeln zu tun habe.</p>
<p>Die obszöne Bedeutung des F-Wortes hat alle anderen Wortbildungen zum Aussterben verurteilt. Nach dem <a href="http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&amp;mode=hierarchy&amp;textsize=600&amp;onlist=&amp;word=ficken&amp;lemid=GF04100&amp;query_start=1&amp;totalhits=0&amp;textword=&amp;locpattern=&amp;textpattern=&amp;lemmapattern=&amp;verspattern=#GF04100L0" target="_blank">Grimmschen Wörterbuch</a> sagte  man früher durchaus ficken auch für peitschen oder mit einer Rute schlagen. Ganz verschämt hat das Wort sich noch heute in der Ohrfeige versteckt. Oder, so mein Verdacht, auch im unschuldigen <em>fix</em>. Ob man von da aus nach Hawaii kommt, wo bekanntlich wiki-wiki &#8220;schnell&#8221; heißt und sich via engl. quick sofort erschließt, wissen die Grimms natürlich nicht. Die waren nie auf Hawaii. Und auch dem &#8220;Heißen Feger&#8221; will ich nicht weiter nachgehen. Zurück zum Thema:</p>
<p>Analog zu anderen I-A-Bildungen (Wirrwarr, Zickzack, Tric-Trac, Schnickschnack, Ticktack, Flic-Flac, Perlicco-Perlacco) gab es auch das Wort Fickfacken. Ein Fickfacker war ein Mensch, der recht unstet war, heute hier, morgen dort. Fahrendes Volk. Ergo jemand, dem man nicht trauen konnte. Auf Jahrmärkten auftretende fickfackende Possenreißer wurden bald auch Faxenmacher genannt. Im Geschäftsleben verbittet man sich Faxen natürlich, wenn nötig auch per Fax. Was für eine Überleitung! Aber auch wenn man Faxe schnell hin und herschicken kann, so kommt dieses relativ junge Wort natürlich von lat. <em>facere</em>, tun, machen. Fac! heißt Mach! und &#8220;Fac simile&#8221; heißt &#8220;Mach es ähnlich&#8221;. Lange vor dem Fax gab es den eingedeutschen Begriff Faksimile bereits. Und nachdem das Fax eine deutsche Erfindung war, hieß es zunächst auch &#8220;Fernkopierer&#8221;, analog zum &#8220;Fernschreiber&#8221;. Die Kopie war das Faksimile, verkürzt zu Fax. Bei &#8220;fern&#8221; wiederholte sich das Drama für Menschen mit Sprachgefühl, denn das Lateinische hält nur Worte wie <em>procul </em>vor oder, als Adjektiv, <em>remotus</em>. Remotofax? Proculkopie? Nein, eine Chimäre mußte her, das Griechische hat ja des schöne Wort &#8220;<em>tele</em>&#8221; und fertig war das Telefax, analog zum Telephon. Das war aber andererseits wieder viel zu lang, und so entstand das neue Wort Fax, zusammen mit dem abgeleiteten Verb faxen.</p>
<p>Wenn einer aber nun die Faxen dicke hat, so heißt das nicht, dass er weiterer schriftlicher Kommunikation abgeneigt ist.</p>
<p class="finish">Auch wenn es so klingt.</p>
<p><em>Bildquelle</em>: <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Fickmühlen.jpeg&amp;filetimestamp=20091030191001" target="_blank">Wikipedia</a>, das Schild ist historisch, der Ort im Lkr. Cuxhaven hat sich umgenannt.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2010/07/26/faktische-fiktion/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Karfreitag</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2010/04/02/karfreitag/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2010/04/02/karfreitag/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 02 Apr 2010 21:29:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Christus]]></category>
		<category><![CDATA[Duden]]></category>
		<category><![CDATA[Etymologie]]></category>
		<category><![CDATA[Germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Jacob Grimm]]></category>
		<category><![CDATA[Karfreitag]]></category>
		<category><![CDATA[Ostern]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=2255</guid>
		<description><![CDATA[Heute vor knapp 2000 Jahren wurde Jesus gekreuzigt. Daran erinnern wir uns heute. Und deshalb nennen wir diesen Tag Karfreitag. Freitag ist ja klar, aber wieso &#8220;Kar&#8221;? Ein Blick ins Englische hilft uns nicht weiter. Dort heißt die Karwoche holy week. Das paßt zum Rest der Welt: Semana santa in Spanien, semaine sante in Frank­reich, settimana [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/04/ostern-l.gif"><img class="alignleft size-full wp-image-2257" title="ostern-l" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2010/04/ostern-l.gif" alt="" width="150" height="88" /></a>Heute vor knapp 2000 Jahren wurde Jesus gekreuzigt. Daran erinnern wir uns heute. Und deshalb nennen wir diesen Tag <em>Karfreitag</em>. Freitag ist ja klar, aber wieso &#8220;Kar&#8221;?</p>
<p>Ein Blick ins Englische hilft uns nicht weiter. Dort heißt die Karwoche <em>holy week</em>. Das paßt zum Rest der Welt: <em>Semana santa</em> in Spanien, <em>semaine sante</em> in Frank­reich, <em>settimana santa</em> in Italien. Über­all heilige Wochen, nur bei uns Kar­woche.<span id="more-2255"></span></p>
<h3>Was ist ein Kar?</h3>
<p>Nun gut. Was ist ein Kar? In den Alpen ist das ein Hoch­gebirgs­kessel. Eine Mulde, eine Ver­tiefung neben steil auf­ragen­den Fels­wänden. Hilft uns das weiter? Dieses Kar kommt laut Etymologie­duden von einer mittel­hoch­deutschen Schale, deren Wurzeln sich wiederum irgendwo im Alt­assyri­schen ver­lieren. Sack­gasse.</p>
<p>Vielleicht ist es der grundlegende Freitag, der Freitag schlecht­hin, der Kar­dinal­frei­tag, so­zu­sagen. Und kirchen­nah auch noch, wenn wir schon beim Kardinal sind. Hangeln wir uns hier durch die Zeiten zurück, nach Rom, landen wir beim lateinischen <em>cardo</em>, der Türangel. Wobei so manchem geist­lichen Kardinal nicht klar sein dürfte, wie nah er sprach­lich mit dem Scharnier verwandt ist. Aber irgend­wie ist das auch eine Sack­gasse. Bei Ostern dreht es sich nicht um die Kar­woche. Um­ge­kehrt, es dreht sich alles um Ostern selbst. Das übrigens auch eine inter­es­sante Ety­mo­lo­gie vor­wei­sen kann.</p>
<h3>Ostern</h3>
<p>Die lange als Wortgeberin gefeierte germanische Frucht­bar­keits­göttin Ostara ist wohl doch eine roman­tische Er­fin­dung von Jacob Grimm. Ver­bürgt hin­gegen ist Eostrae, eine britische Göttin des Lichts. Das paßt zum Frühling, zu <em>easter</em> und Ostern, und es ist eine Göttin, die in vielen Kulturen vorkommt: Eos und Aurora sind sprach­lich die­selben Namen. Und so hat über die Morgen­röte Ostern und der Osten durch­aus eine Ver­bin­dung. Aber das liefert uns bei unserem Thema nur <em>karge</em> Unter­stützung.</p>
<h3>Germanen und Chinesen</h3>
<p>Gehen wir nochmal nach England. Der Freitag heißt auf englisch <em>good friday</em>. Guter Freitag? Gut? Ist das nicht ein Tag des <em>Kummers</em>? Wo man sich um die Vor­be­rei­tungen für Ostern <em>kümmern</em> muß&#8230; Und schon haben wir die Wurzel gefunden. Und bei <em>karg</em> waren wir eh schon nah dran: Hinter dieser Wurzel <em>kara</em> verbirgt sich ein ger­ma­nisch-skan­di­na­vi­scher Stamm für &#8220;Kummer&#8221; und &#8220;kümmern&#8221;. Auf Englisch sieht man es noch besser: to care kommt auch daher.</p>
<p>Und im chinesischen? Die übliche Über­setzung 基督受難日 ist recht interessant. 日 ist der Tag. 難 ist das Unglück. 基督 ist Christus. Und 受 steht für das Er­leiden. Da muß man kein Sino­loge sein: Auf Chinesisch heißt der Tag also &#8221;Christus er­lei­det einen Un­glücks­tag&#8221;.</p>
<p class="finish">Das sehen wir im Christentum anders.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2010/04/02/karfreitag/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Urheberrechte auf molossisch</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2009/11/06/menschenrechte-und-urheberrechte/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2009/11/06/menschenrechte-und-urheberrechte/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 06 Nov 2009 21:59:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Netzwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Musikindustrie]]></category>
		<category><![CDATA[Pirate Bay]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Pyrrhus]]></category>
		<category><![CDATA[Pyrrhussieg]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=1804</guid>
		<description><![CDATA[Am Thema Urheberrechte scheiden sich die Geister, nicht erst seit der Erfindung des Internet. Auch hier in diesem Blog war schon viel dazu zu lesen, beispielsweise über den langen und teilweise verbissenen Kampf der Musikindustrie gegen sogenannte &#8220;Piraten&#8221; und &#8220;Raubkopierer&#8221;. Ein großer Schlag schien gelungen, als im August die schwedische Justiz die Betreiber von &#8220;Pirate [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-medium wp-image-1806" title="492px-Pyrhhus_-_Ny_Carlsberg_Glyptotek,_Copenhagen,_Den.JPG" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/11/492px-Pyrhhus_-_Ny_Carlsberg_Glyptotek_Copenhagen_Den.JPG-246x300.jpg" alt="492px-Pyrhhus_-_Ny_Carlsberg_Glyptotek,_Copenhagen,_Den.JPG" width="246" height="300" />Am Thema Urheberrechte scheiden sich die Geister, nicht erst seit der Erfindung des Internet. Auch hier in diesem Blog war schon viel dazu zu lesen, beispielsweise über den langen und teilweise verbissenen Kampf der Musikindustrie gegen sogenannte &#8220;Piraten&#8221; und &#8220;Raubkopierer&#8221;. Ein großer Schlag schien gelungen, als im August die schwedische Justiz die Betreiber von &#8220;Pirate Bay&#8221; zu drastischen Strafen verurteilte. Wobei &#8220;drastisch&#8221; nicht reicht, das waren Strafen, die sich ein bis dahin unbescholtener Bürger mit kaum einem anderen Vergehen eingefangen hätte. Allerorten wurden hochbeglückte Musikmanager gesichtet, mit Champagnergläsern.</p>
<p>Ein überragender Sieg also? <span id="more-1804"></span>Was kaum berichtet wurde: Die Betreiber von Pirate Bay haben ja gar keine illegalen Inhalte gespeichert, nur <em>Fundorte</em> von Inhalten, deren teilweise Illegalität sie in Kauf genommen haben. Und vielleicht wäre ihnen nicht so viel passiert, wenn sie sich nicht ausgerechnet &#8220;Pirate Bay&#8221; genannt hätten. Das war wohl provokant &#8211; und ich hoffe, ich irre mich, denn das hieße ja nichts anderes als daß sie für ihren Namen so drastisch bestraft wurden, quasi als freche Dissidenten. Im Umkehrschluß heißt das natürlich auch, daß mit der Löschung der Website der Piraten einfach die Lagerliste weggeworfen wurde. Die Inhalte sind aber alle noch da. Im Netz. Auf tausendenden Rechnern.</p>
<p>Die Software von Pirate Bay ist so gesehen nichts anderes als eine Suchmaschine. Eine gute, übrigens. So gut, daß sie gerettet wurde, obwohl das Gericht die Zerstörung angeordnet hatte. Kurz nach dem Urteil lagen Software und Indexdaten in vielen Kopien an vielen Stellen im Netz. Übrigens recht analog den Inhalten, zu denen der Zugang verhindert werden sollte.</p>
<p>Und somit gab es nach kürzester Zeit nicht mehr nur ein Pirate Bay, sondern ganz viele davon. Das hat auch der Anti­viren­soft­ware­her­steller McAfee beobachtet. In seiner vierteljährlichen Studie &#8220;<a href="http://www.mcafee.com/us/local_content/reports/7315rpt_threat_1009_de.pdf" target="_blank">McAfee Threat-Report</a>&#8221; auf Seite 13 wird von einem &#8220;Pirate-Bay-Effekt&#8221; berichtet:</p>
<blockquote><p>Wir beobachten die wachsende Beliebtheit von Webseiten, die verschiedenste Inhalte wie illegale Software oder urheberrechtliche geschützte Werke wie Filme und ähnliches hosten. Im Herbst 2008 stieg die Anzahl von Webseiten, über die illegale Anwendungen angeboten wurden, stark an (siehe Abbildung 16). Dazu können viele Faktoren beigetragen haben: die schlechte Wirtschaftslage, verbesserte Webseiten-Tools zum einfachen Veröffentlichen und Austauschen von Daten, die Jahreszeit, das aktuelle Kinoprogramm, u.v.m. Einen ähnlichen Anstieg beobachteten wir kurz vor Beginn des Kinosommers. <em>Am auffälligsten war jedoch der sprunghaft gestiegene Höchstwert solcher Webseiten während der Stilllegung von The Pirate Bay</em>.</p></blockquote>
<p>Es scheint einfach so zu sein, daß vielen Menschen das freie Austauschen von Musik und anderen Inhalten schlicht wichtig ist. So wichtig, daß die eventuelle Strafbarkeit oder ethische Bedenken geringer erachtet werden als die persönlichen Nachteile im Falle der Abstinenz. Hieße nun, die Kopiererei zu ignorieren, sich <em>dem Druck der Straße</em> zu beugen, wie manche formulieren? Oder gibt es einen Grundbedarf an einfach zu erlangenden Inhalten, was ja auch ein Anzeichen für Kultur sein könnte? Und vielleicht ist das ja auch schon die Lösung, der legale Einkauf darf eben nicht viel schwieriger sein als das ggf. illegale &#8220;Saugen&#8221;. Guter Wille und neue ökonomische Modelle wären vermutlich recht erfolgreich.</p>
<p>Der &#8220;vernichtende Schlag&#8221; war also ein Schlag ins Wasser. Schlägt man der Hydra einen Kopf ab, wachsen zwei nach. Und dennoch, mein Mitleid mit der Musikindustrie hält sich in Grenzen. Das liegt weniger daran, daß ich den Künstlern ihre Tantiemen nicht gönne &#8211; das Gegenteil ist der Fall &#8211; sondern eher daran, mit welchen Methoden die Musikindustrie ins Feld gezogen ist. Wären nur Bruchteile der Phantasie, die auf die Erschwerung der Tauscherei verwendet wurde, auf wirklich intelligente und moderne Konzepte verwendet worden, wäre das Problem nicht so gravierend.</p>
<p>Wie also nennen wir den &#8220;Sieg&#8221; der Musikindustrie? Seit 279 vor Christus haben solche Siege einen Namen. Einem König der Molosser gelang es, immer wieder den Römern Niederlagen zu bereiten, aber jeder Sieg war mit solchen Verlusten verbunden, daß er, der Sieger, die besiegten Römer um Frieden bitten musste, den sie ihm noch nicht einmal gewährten, denn sie schätzten die Qualität seiner Siege ähnlich ein wie er. Er sagte, &#8220;noch so ein Sieg, und wir sind verloren&#8221;. Die Rede ist von jenem unglücklichen König Pyrros (lateinisch &#8220;Pyrrhus&#8221;) und seinen</p>
<p class="finish">Pyrrhus-Siegen</p>
<p><em>Photo: Henry Seutsan, via Wikipedia</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2009/11/06/menschenrechte-und-urheberrechte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Kulturflatrate</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2009/07/29/die-kulturflatrate/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2009/07/29/die-kulturflatrate/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 29 Jul 2009 12:40:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Netzwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Charon]]></category>
		<category><![CDATA[Flat Rate]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Künstler]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Musikindustrie]]></category>
		<category><![CDATA[Obolus]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Styx]]></category>
		<category><![CDATA[Urheberrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Verlage]]></category>
		<category><![CDATA[Verleger]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=1589</guid>
		<description><![CDATA[Es gibt Probleme, die sind nicht einfach zu lösen, und es gibt welche, die wären einfach, dächte nur einmal jeder der Beteiligten vernünftig und vorurteilsfrei nach. Und es gibt Probleme, da verkünden alle Beteiligten, alles wäre so ein­fach, aber bei näherer Betrachtung wird es nur immer komplizierter. Das Urheberrecht im Jahr 40 nach Erfindung des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-medium wp-image-1598 alignright" title="Kulturbeutel" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/07/Kulturbeutel-300x217.jpg" alt="Kulturbeutel" width="328" height="234" />Es gibt Probleme, die sind nicht einfach zu lösen, und es gibt welche, die wären einfach, dächte nur einmal jeder der Beteiligten vernünftig und vorurteilsfrei nach. Und es gibt Probleme, da verkünden alle Beteiligten, alles wäre so ein­fach, aber bei näherer Betrachtung wird es nur immer komplizierter.</p>
<p>Das Urheberrecht im Jahr 40 nach Erfindung des Internet ist da so ein Fall. <span id="more-1589"></span>Die einen sagen, klare Sache, was Recht ist, muss Recht bleiben, hinter den Rechten der sogenannten Rechteinhaber müßte sich alles einreihen. Bürgerrechte, Ver­hält­nis­mäßig­keits­grund­satz, alles ganz nett, solange die Umsätze stimmen. Die anderen sagen, simple Sache, jeder bezahlt seinen Obolus und darf darauf­hin kopieren aus dem Netz, wonach ihm der Sinn steht. Alles, was irgend­wie unter den Be­griff Kultur fällt. Und von den Ein­nahmen werden die Künstler bezahlt. Das nennt sich dann Kultur­flatrate.</p>
<p>Klingt doch prima, das zweite. Dem Recht Gehör verschaffen, indem man es abschafft und durch etwas Zeitgemäßeres ersetzt. Simpel und genial. Aber es gibt Einschränkungen. Zuerst, ganz klar, wieviel darf die Flatrate denn kosten? Ein Obolus kann viel sein oder wenig. In der Antike war ein Obolus immerhin der achte Teil einer Drachme und damit ausreichend Geld, um Charon zu bezahlen, den Fährmann, welcher die Toten über den Styx bringt. Jedem Griechen wurde bei seiner ordentlichen Beerdigung ein Obolus unter die Zunge gelegt, damit er nicht schwarz fahren müsse. Immerhin also eine Silbermünze, nicht zu verwechseln mit wirklich geringfügigen Beträgen. So wird als Preis für die Kulturflatrate bereits durchaus ein Betrag von 50 Euro gehandelt.</p>
<p>Viele geben mehr für Kultur aus. Viele aber auch wieder nicht. Viele haben keine 50 Euro im Monat übrig, aber sie haben 20 Euro für Internet. Ist eine Internetkulturflatrate ein Angebot, das man nicht ablehnen kann? Oder gibt es, vermutlich im sozialdemokratischen Lager, die Ansicht, Kultur sei ein Menschenrecht, das allen Menschen notfalls also auch kostenlos zustünde? Wird somit die sogannte Flatrate zum weiteren Rädchen in der Umverteilungsmaschinerie? Darüber muß sich die Gesellschaft erst noch klar werden.</p>
<p>Aber es gibt weitere Fragen. Zum Beispiel, was ist Kultur? Zeitungen, Bücher, Fachliteratur, Theater, Oper und Konzerte, Malerei und Bildhauerei, Graphiken, Spielfilme, Musik. Und wer soll das Geld bekommen, nur die Künstler? Oder auch Rechteverwerter und Händler? Kommt es vielleicht gar &#8220;darauf an&#8221;? Sind Interpreten Künstler? Sind Übersetzer Künstler? Sind Hörbuchsprecher Künstler? Hoffentlich ja, aber wer bekommt nun das Geld für eine Coverversion eines alten Hits? Der Komponist, der Studiomusiker, der Remixer, das Label? Bei näherer Betrachtung läßt sich das alles nicht über einen Kamm scheren. Bücher lassen sich nicht verlustfrei kopieren, nur ihre Inhalte. Aus dem Inhalt wieder ein Buch zu machen, eines zum Anfassen mit Papier, Einband und Schutzumschlag, kostet vermutlich mehr als das Buch ordentlich zu kaufen. Dennoch haben Verleger große Schwierigkeiten mit dem Netz &#8211; vor allem im schnellebigeren Bereich der Zeitungen und Magazine. Aber auch wenn die Verlegerlobby derzeit ordentlich Staub aufwirbelt, so ist es doch hauptsächlich die Musikindustrie, denen ihre Milliardengewinne wegbrechen und die nun schon seit geraumer Zeit zum Krieg blasen.</p>
<p>Beschränken wir uns für heute also zunächst auf die Musik. Tun wir so, als gebe es eine Kulturflatrate für Musik, ein gerechtes Modell. Wie sähe das aus? Alles Flat? Natürlich nicht. Nur das, was man aus dem Internet zieht. Genauer, das, was man derzeit illegal aus dem Internet zieht. Denn was man derzeit legal bekommt, ist entweder bezahlt, wie bei itunes und anderen Online-Musikläden, oder eben frei ins Netz gestellt, mit der Lizenz zur freien Kopie. Nun, damit wäre schnell Schluß in Zeiten der Flat Rate. Online-Musikläden wären sofort tot und ganz freie Projekte wären zwar idealistisch, aber ungeschickt. Heute könnte so etwas durchaus ein Geschäftsmodell sein, die kondensierte Abstraktion des Independent-Label, wie sie durch das Internet erst möglich würde. Mit einer Kulturflatrate wäre es gerade noch ein Hobby für Liebhaber, eine Beschäftigung also für Dilettanten (<em>dilettare</em> (ital.) aus <em>delectare</em> (lat.) &#8211; sich an etwas erfreuen, der Liebhaberei frönen). Aber wenigstens alle Musik für jeden?</p>
<p>Nun, ist die Musik der Spätrenaissance Kultur? Nach sicher doch. Nur werden es sich außer mir vermutlich nur noch ein paar tausend Leute anhören, im Gegensatz zu der im Moment angesagten Musik, die  von Millionen gehört wird. Könnte man hier noch von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen, so werde ich aber leider große Schwierigkeiten haben, &#8220;meine&#8221; Musik im Netz zu finden. Flat rate, da schwingt wieder dieser <em>all you can eat</em>-Gedanke mit. Bleiben wir bei der Musik. Wußten Sie, daß taube Menschen von der Bezahlung der Rundfunkgebühr befreit sind? Wohnen sie nicht allein, müssen sie nachweisen, daß sie das Radio nur für sich selbst haben. Dasselbe gilt für Blinde und ihre Fernseher (Quelle: <a href="http://www.schwerbehinderung-aktuell.de/include.php?path=content/articles.php&amp;contentid=478" target="_blank">www.schwerbehinderung-aktuell.de</a>). Müssen also Taube auch für Musik im Netz bezahlen? Oder nur, wenn sie nicht nachweisen können, dass alle Musik, die sie runterladen, ausschließlich von ihnen gehört wird? Gehen wir also davon aus, daß sich das nur lösen läßt, wenn alle bezahlen, vom Tauben zum Blinden, vom Säugling zum Greis.</p>
<p>Und wer bekommt das Geld? Und wie viel davon? Was sich bei Musik zweifelsfrei messen läßt ist die Länge und die Anzahl der Downloads. Letztere ist ungeeignet, denn sie muß mit der Anzahl der Hörer nichts zu tun haben. Die einen laden das Musikstück einmal und hören es von früh bis spät, die anderen laden das Musikstück im Stundentakt, aber sie hören es nicht, weil sie nur <a href="http://www.svb.bayern.net/2009/07/10/claqueure/" target="_blank">Software sind, um die Statistiken aufzuhübschen</a>. Also die Länge. Wirklich? Wollen wir uns darauf einlassen, dass Musik nach ihrer Dauer bezahlt wird nach einem festgelegten Schlüssel, x% für den Komponisten, y% für die Interpreten, und irgendwer bezahlt sicher auch das Aufnahmestudio. Aber dann werde ich Komponist. Ich schreibe vor allem lange Stücke in C-Dur. Streit ist also vorprogrammiert.</p>
<p>Die Musikindustrie beäugt die Diskussion sicher auch argwöhnisch. Bis jetzt kam sie nicht vor in der Liste der Geldempfänger, höchstens als Sponsor des Aufnahmestudios. Oder als Betreiber einer kostenlosen Downloadplattform. Die Kulturflatrate ist also vermutlich nicht die Lösung, viel zu viele Fragen sind noch nicht geklärt. Eine <a href="http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Fragenkatalog_Kulturflatrate.pdf" target="_blank">interessante Liste von Fragen</a> hat beispielsweise der Börsenverein des Buchhandels und ein paar andere Verbände gestellt. Klare Lobbyarbeit, aber doch geeignet aufzuzeigen, dass auch außerhalb der Musikbranche eine Kulturflatrate schwer einzuführen ist. Gruselig, dass einige Parteien die Einführung bereits in ihren Grundsatzprogrammen stehen haben.</p>
<p>Natürlich gab es einmal eine Kulturflatrate, nämlich bei den Römern. Kultur zum Einheitstarif. Nur daß bei den Römern dieser Tarif der Nulltarif für die Besucher war und die Künstler aus der Tasche des Veranstalters bezahlt wurden, zumindest die Künstler, die die Veranstaltung überlebten. Vielleicht retten sich die Parteien ja mit</p>
<p class="finish">panem et circenses?</p>
<p><em>Bildquelle: </em><a href="http://www.unikum.ac.at/kh/produkte/kulturbeutel.htm" target="_blank"><em>www.unikum.ac.at</em></a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2009/07/29/die-kulturflatrate/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Luxus und Dekadenz</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2009/06/28/luxus-und-dekadenz/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2009/06/28/luxus-und-dekadenz/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 28 Jun 2009 14:18:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Dekadenz]]></category>
		<category><![CDATA[Luxus]]></category>
		<category><![CDATA[Promi]]></category>
		<category><![CDATA[Prominente]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Vespasian]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=1486</guid>
		<description><![CDATA[Kennen Sie Santa Barbara? Auf der ganzen Welt gibt es vermutlich über fünfzig davon, allein neun in Mexico. Aber hier ist die Rede von dem Santa Barbara in Kalifornien. Wo die Reichen und Schönen wohnen. D.h., zur Zeit wohnen. Oder zumindest einen Wohnsitz unterhalten, das trifft es vermutlich am besten. Früher waren das eher Städte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-1494" title="lu_Nymphe" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/06/lu_Nymphe.jpg" alt="lu_Nymphe" width="100" height="100" /><img class="alignright size-full wp-image-1495" title="lu_tischfuss" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/06/lu_tischfuss.jpg" alt="lu_tischfuss" width="100" height="100" />Kennen Sie Santa Barbara? Auf der ganzen Welt gibt es vermutlich über fünfzig davon, allein neun in Mexico. Aber hier ist die Rede von <em>dem</em> Santa Barbara in Kalifornien. Wo die Reichen und Schönen wohnen. D.h., zur Zeit wohnen. Oder zumindest einen Wohnsitz unterhalten, das trifft es vermutlich am besten. Früher waren das eher Städte wie Antibes oder Cannes. Und noch früher war es Baiae, am Golf von Neapel, oder Herkulaneum, Bauli oder Pompeii. Dort, in der Umgebung von Neapel, versammelte sich früher die Elite aus Herkunft, Macht und Geld.</p>
<p><span id="more-1486"></span>In Baiae hatte die Prominenz aus Rom ihre Villen, und wenn man sagt &#8220;Prominenz&#8221;, dann darf man sich darunter wirklich die Prominenten vorstellen, nicht die &#8220;Promis&#8221;. Caesar und Brutus, Cicero und Verres, Seneca und Nero, alle hatten hier Villen. Cicero sogar gleich mehrere davon, nicht nur in Baiae, sondern eigentlich in fast jedem Ort der Gegend eine. Klingt protzig und war auch so gedacht. Als <em>homo novus</em>, also nicht aus einer adeligen Familie stammend, hatte dieser große Mann eine ausgesprochene Achillesferse in gesellschaftlichen Fragen. Heute hieße man so einen &#8220;Selfmademan&#8221;. Das hat den Neureichen abgelöst, oder den Parvenü. Alles dasselbe, seit tausenden Jahren belächelt man den Aufsteiger, nicht den Erben.</p>
<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-1496" title="lu_orestpylades" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/06/lu_orestpylades.jpg" alt="lu_orestpylades" width="100" height="100" /></strong><img class="alignright size-full wp-image-1497" title="bild1" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/06/bild1.jpg" alt="bild1" width="100" height="100" />Aber wie ging es weiter damals? Wissen wir. Pompeii ging unter im Aschenregen des Vesuvs elf Tage nach den Iden des Sextember, der seit ein paar Dezennien August genannt wurde, im Jahre 832 a.u.c., mittags. Heute würde man sagen 24.8.79 nach Christus, 13 Uhr. Fast zeitgleich kam die Lava nach Herculaneum &#8211; die beiden Städte sollten sich nie wieder erholen. Baiae ereilte ebenfalls ein Schicksal, wenngleich nicht so heftig für die Bewohner: Es ging unter, im wahrsten Sinn des Wortes, und liegt heute zum größten Teil unter Wasser. Der Untergang ausgerechnet solcher Städte hat nicht nur heutige Archäologen beeindruckt. Bereits in der Antike kritzelte jemand einen Vergleich mit Sodom und Gomorrha an eine Wand in Pompeii. Die Archäologen sind uneins, war das eine Warnung oder eine Quittung? Vermutlich letzteres. Jedenfalls gab es 79 nach Christus bzw. ein halbes Jahrhundert nach seiner Hinrichtung schon Leute auf der italischen Halbinsel, die die biblischen Geschichten zitieren konnten.</p>
<p>Dem ganzen Thema kann man sich derzeit in München nähern, es gibt eine fabelhafte <a href="http://www.lwl.org/ausstellung-herculaneum/cms/front_content.php?idcatart=39" target="_blank">Ausstellung: Luxus und Dekadenz</a>, in der archäologischen Staatssammlung am Englischen Garten, hinter dem Nationalmuseum. Dort lohnt es sich den Fragen nachzuspüren: Was ist gleich wie damals? Und was ist anders? Bankiers, die mit Hilfe von Spekulationen ein Vermögen verdienten. Ein Mann, der sich vom Sklaven hocharbeitete und als Freigelassener bei seinem Tod gut 4000 Sklaven hinterließ und 16 Millionen Sesterzen, die eine Million Sesterzen nicht mitgerechnet, die er für sein Begräbnis auf die Seite gelegt hatte. Zum Vergleich: Der Stundenlohn damals betrug typischerweise ein As, fünf Asse waren zwei Sesterzen. Der Freigelassene gab also für sein Begräbnis mehr aus, als ein normaler Arbeiter oder ein Soldat in eintausend Jahren mit täglich 10 Stunden Arbeit verdienen konnte. Dann war da noch die Statue eines Mannes, der als Steuerpächter das heutige Libyen so ausplünderte, daß selbst seine Landsleute eine Augenbraue hoben. Darauf spendierte er seiner Stadt eine neue Stadtmauer und entging einer Untersuchung.</p>
<p>Und schon damals hatten die Menschen Sinn für Kunst und Handwerk, für Dinge, die sie oft selbst nicht herstellen konnten. Die besten Statuen kamen aus Griechenland, Eisen und Stahlkonstruktionen von den Kelten und den Iberern, Glas aus Germanien oder aus Asia minor. Der Goldnachschub versiegte nicht, in Hispanien wurden ganze Flüsse umgeleitet, um die reichen Goldvorkommen aus den Gebirgen freizuwaschen. In den Manufakturen werkelten die Sklaven, das steuerte seinen Teil bei, aber das beste war immer noch die Steuerpacht: Wer sich in der Politik verdient gemacht hatte, durfte ein paar Jahre irgendeine Provinz ausplündern. Das lohnte sich, das geplünderte Geld reichte oft mehrere Generationen. Die Oberklasse war also reich. Sozusagen stinkreich, auch wenn <em>pecunia non olet</em>.</p>
<p>Gleichzeitig steckte Rom in den 70ern und frühen 80ern in einer heftigen Wirtschaftskrise, die allerding weniger mit dem Vulkanausbruch zu tun hatte, mehr mit Aufständen in den Provinzen, deren Niederschlagung immer kostspieliger geworden war, bei gleichzeitig schwindender Opferbereitschaft der römischen Bürger und immens angestiegenen Staatsausgaben und einer sich immer weiter aufblähenden Bürokratie. Neros Regierungszeit war 68 zuende gegangen. Wie auch immer man zu ihm steht, ob er nun ein großer Künstler war oder ein bluttriefender Despot, in jedem Fall war der Römische Staat von ihm ruiniert worden, oder er hatte den Ruin nicht verhindert. Nicht nur mit der Erfindung der Inflation, angeblich hatte er ja das Gold in den Münzen mit minderwertigen Metallen gestreckt, um den Staatsbankrott abzuwenden. Damit ruiniert man den Staat nicht, das ist ja heute ein anerkanntes Mittel zur Staatsfinanzierung.</p>
<p>Aber zurück: Wie hätte damals die Oberschicht dieses Verhängnis erkennen können? In einem Hausstand, in dem rationaler Einsatz von Arbeitskräften keine Rolle spielte? Wo es für den Status nur darauf ankam, möglichst viele Sklaven zu haben? Was für Jobs gibt es denn in einem Haus für ein paar hundert Leute? So entstanden die erstaunlichsten &#8220;Berufe&#8221;, Perlenkästchenbewahrer, Speisenabräumer, Zeitansager, Terminplaner, so langweilten sich die Sklaven wenigstens nicht gar zu sehr. Am nützlichsten war sicher der Einflüsterer. Wenn einem jemand auf der Strasse entgegenkam, den man kennen sollte, flüsterte dieser Sklave den Namen des Betreffenden in das Ohr seines Herrn. Wundervoll!</p>
<p>Trotzdem, die Anzeichen von Dekadenz sind nicht zu übersehen. Aber die vorläufige Rettung für das Römische Reich nahte in Gestalt des gütigen und vernünftigen Vespasianus, der seine Ohren gegenüber den nach Gold schreienden Hofschranzen verschloß und dem ganzen Staat eine Schlankheitskur verpaßte, die ihresgleichen suchte. Das ging so weit, dass die öffentlichen Bedürfnisanstalten Eintritt verlangten, was sogar seinem Sohn Titus, dem späteren Kaiser Titus, peinlich war. Vespasian sagte aber eben nur sein berühmtes: Geld stinkt nicht, <em>pecunia non olet</em>.</p>
<p>Zurück zur Ausstellung: Was es damals nicht gab, waren Computer und ihre ganz besonderen Möglichkeiten. Ausgesprochen faszinierend anzusehen sind die virtuellen Rundgänge durch römische Villen, die man auf den vielen Monitoren erleben kann. Marmor, viel Wasser, und bronzene Treppengeländer, wie man sie heute hauptsächlich in Amerika antrifft. Eine Badewanne mit Heizung &#8211; wichtig, wenn man nicht heisses Wasser nachlaufen lassen kann, weil man ja in Eselsmilch badet wie Poppaea, die Frau des Nero, die damit der Alterung vorbeugen wollte. Ihr Mann Nero hat ihrer Alterung allerdings noch nachhaltiger vorgebeugt. Und last but not least Alltagsgegenstände, die in keiner Küche fehlen dürfen, zum Beispiel ein Tonkrug zum Mästen von Siebenschläfern. Und gefüllte Siebenschläfer mit Honig und Mohn sind doch einfach zu köstlich, viel besser als gebackene Otternasen (&#8220;Leben des Brian&#8221;) oder eingelegte Nachtigallzungen (&#8220;Asterix&#8221;).</p>
<p>Zwei Stunden benötigt man für einen konzentrierten Rundgang, das ist nicht schlecht für</p>
<p class="finish">eine Zeitreise über 2000 Jahre.</p>
<p><em>Bildquelle: Alle Abbildungen habe ich </em><a href="http://www.lwl.org/ausstellung-herculaneum/cms/front_content.php?idcatart=39" target="_blank"><em>im Museum</em></a><em> geklaut</em>. Hoffentlich durfte ich das.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2009/06/28/luxus-und-dekadenz/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Warnschuß vor den Bug</title>
		<link>http://www.svb.bayern.net/2009/06/11/warnschus-vor-den-bug/</link>
		<comments>http://www.svb.bayern.net/2009/06/11/warnschus-vor-den-bug/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2009 22:53:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>svb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Parteien]]></category>
		<category><![CDATA[Bayern]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[CSU]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Die Linke]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Grüne]]></category>
		<category><![CDATA[Innenminister]]></category>
		<category><![CDATA[Justizministerin]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Politiker]]></category>
		<category><![CDATA[Provider]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Schäuble]]></category>
		<category><![CDATA[Schweden]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Stoppschild]]></category>
		<category><![CDATA[Urheberrecht]]></category>
		<category><![CDATA[von der Leyen]]></category>
		<category><![CDATA[Wahl]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Wiefelspütz]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>
		<category><![CDATA[Zensursula]]></category>
		<category><![CDATA[Zypries]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.svb.bayern.net/?p=1343</guid>
		<description><![CDATA[Die Europawahl ist vorbei &#8211; ein Desaster für die beiden Volksparteien. Beim Bundeswahlleiter gibt es das amtliche End­er­geb­nis. Wenn das so weiter­geht, wird man eine Koalition aus SPD und CDU/CSU kaum als &#8220;große Koalition&#8221; be­zeich­nen können. Eine Zwei­drittel­mehr­heit ist das jeden­falls nicht mehr. Aber die CSU ist drin. Wäre sie es nicht, hätte das viel­leicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-1355" title="europawahl" src="http://www.svb.bayern.net/wp-content/uploads/2009/06/europawahl.png" alt="europawahl" width="424" height="265" />Die Europawahl ist vorbei &#8211; ein Desaster für die beiden Volksparteien. Beim <a href="http://www.bundeswahlleiter.de/de/europawahlen/EU_BUND_09/ergebnisse/bundesergebnisse/b_tabelle_99.html" target="_blank">Bundeswahlleiter</a> gibt es das amtliche End­er­geb­nis. Wenn das so weiter­geht, wird man eine Koalition aus SPD und CDU/CSU kaum als &#8220;große Koalition&#8221; be­zeich­nen können. Eine Zwei­drittel­mehr­heit ist das jeden­falls nicht mehr.</p>
<p>Aber die CSU ist drin. Wäre sie es nicht, hätte das viel­leicht endlich einmal eine Dis­kussion an­ge­stoßen, wieso die CSU bundes­weit über fünf Prozent aller Stimmen braucht, aber nur in Bayern gewählt werden kann. Das ist schwer ver­mittel­bar. Solange sie komfortabel über fünf Prozent liegt, interessiert das niemanden. Aber dann? Anderer­seits, an­ge­sichts ihrer Politik wäre es ja vielleicht doch kein so großer Verlust für uns gewesen. Die Stimme für Bayern? Na eher die Stimme für Eskalation, für halbherzige Verbote, Irre­führung der Wähler, Lavieren, unerträglichen Populismus. Schade eigentlich.</p>
<p>Warum überhaupt darüber nachdenken? <span id="more-1343"></span>Nun, wie ich sehen mußte, bin ich ja <a href="http://www.svb.bayern.net/2009/06/03/entscheidungshilfen/" target="_blank">der CSU näher</a>, als ich je gedacht hätte. Aber die Gegen­stände, in denen wir uns nicht treffen, fallen alle unter <em>condicio sine qua non</em>. Was sich im übri­gen wirklich so schreibt, denn es kommt von <em>condicere</em> (vereinbaren), nicht von <em>condire</em> (würzen). Aber schon die Römer machten das gerne falsch, sogar noch in Zeiten der Republik, und ver­ein­barten fälsch­licher­weise Kon­di­tionen und nicht Kon­dizionen. Sportler haben eine Kon­di­tion, da stimmt es mit der Würz­mischung. Wobei nicht die Rede vom Rad­sport sein soll.</p>
<p>Zurück zum Thema: FDP und Grüne haben gut ab­ge­schnitten. Irgend­wo mußten die ent­täusch­ten Wähler der ehe­maligen Volks­parteien ja hin  - und dass es nicht die LINKEN waren, die diese Stimmen be­kom­men haben, beruhigt. Schaut man genau hin, ist die FDP sogar der ein­deutige Wahl­sieger, die Graphik macht es deutlich. Die Spalte &#8220;Delta­Promille&#8221; ist einfach die Dif­fe­renz der je­wei­ligen Prozente, multi­pli­ziert mit 10, um die Unter­schiede leichter erkennbar zu machen.</p>
<h3>Die Sieger</h3>
<p>Publizistisch Sieger ist die CSU. Eine Partei, die gerade ein Zehntel ihrer Wähler verloren hat, nimmt einen &#8220;ein­deuti­gen Auf­wärts­trend&#8221; wahr. Dabei hat sie bei Licht betrachtet mehr verloren als die SPD. Diese wie­de­rum wird aber von der Presse als größter Verlierer bezeichnet. Muß man nicht verstehen.</p>
<p>Emotional bei den Siegern, aber vermutlich eine Rand­er­schei­nung: die Piraten. Eine Partei, die in der deutschen Öffent­lich­keit bis jetzt kaum in Er­schei­nung tritt, die ins­be­son­dere vom Fern­sehen und den üblichen Zeitungen für ge­wöhnlich ignoriert wird, und dann ent­scheidet sich doch an­nähernd jeder hunderste Wähler für diese Leute. Das Programm ist diffus. Die Ziele sind vor allem dann unklar, wenn es um Themen geht, die nichts mit In­for­mations­ver­ar­bei­tung, Ur­heber­recht und elek­tro­nischer Kom­mu­ni­ka­tion zu tun haben. Ohne bos­haft klingen zu wollen: Diese Partei spiegelt wider, was heraus­kommt, wenn Nerds sich als See­räuber verkleiden. Es gibt also doch recht viele Menschen, die bereit waren, ihre Stimme einer Grup­pie­rung zu geben, von der man bereits bei der Wahl sicher sein konnte, daß sie nicht ins Parlament kommen würde. Man nannte so etwas früher &#8220;Stimmen ver­schen­ken&#8221;. Das kann man aber auch anders sehen. Diese Stimmen hätten bei den etablierten Parteien keine Verschiebung hervorgerufen, aber sie haben gezeigt, was passiert, wenn die Berliner Republik weiter glaubt, das Volk sei nur zu doof zu verstehen, daß man alles zu ihrem Besten regle.</p>
<p>Und nocheinmal zum &#8220;verschenken&#8221;: Wie das schwedische Beispiel gezeigt hat, hat solch eine Partei durchaus Chancen. Die schwedischen Piraten stellen einen Ab­ge­ord­ne­ten. Was nicht ver­wun­dert, denkt man über <a href="http://www.svb.bayern.net/2009/04/18/schwarzer-freitag/" target="_blank">kürzliche Ereignisse</a> in Schweden nach.</p>
<h3>Chancen erkennen</h3>
<p>Aber knapp ein Prozent, das ist beachtlich. Zuerst muß man sich klarmachen, wieso es diese Partei über­haupt gibt. Der Grund ist das jäm­mer­liche Ver­sagen der FDP in den 90ern, als sie geschockt vom Macht­verlust alles über Bord warf, was sie mal so attraktiv gemacht hatte. Aus der Partei der Bürger­rechte eines ehemaligen Bundes­innen­minister Baum war schlei­chend zunächst die Partei der Besser­ver­die­nen­den und dann die Partei der Besser­ver­die­nen­wol­len­den geworden. Spaß­partei für BWL-Studenten, personi­fi­zierter Größen­wahn mit Guido­mobil und dem Projekt 18. All­mählich schwingt das Pendel wieder zurück. Wäre das bereits weiter fort­ge­schrit­ten, wären jene 0,9 % keine Piraten, sondern auch noch FDPler. Mögli­cher­weise. Aber wenn die Themen der Piraten­partei wieder im Parlament ver­tre­ten sind, durch kompetente Politiker, hat sich die Not­wendig­keit der Piraten erledigt.</p>
<h3>Goldene Zitronen</h3>
<p>Gut, und damit ist klar, der Sieger ist die FDP. Die goldene Zitrone hingegen geht an die SPD, die mal wieder so richtig unglücklich agiert hat. Anhand des Themas Bürger­rechte konnte man so richtig schön sehen, wie man ein Thema ver­geigen kann, bei dem man eigent­lich hätte punkten können. Denn, auch wenn der Sozialis­mus und die Sozial­demo­kratie davon reden, daß das Volk er­zo­gen werden müsse, so ist der durch­schnitt­liche SPD-Wähler eher aufmüpfig. Was einer der Gründe ist, wieso diese Partei lust­voll alles de­mon­tiert, was Autorität aus­strahlt, also auch regel­mäßig den eigenen Vor­sitzen­den, Kanzler oder auch nur Kanzler­kandidat. Das ist gelebte <em>corporate identity</em>, kann man nichts machen. Auch Herrn Stein­meiers Tage sind gezählt. Sobald er möglicher­weise Erfolg hat, fällt er dem Scherben­gericht anheim. Hat er keinen, auch.</p>
<p>Damit ist klar, der hier ausreichend kommentierte Zensursula-Vorfall hätte sich angeboten, wähler­stimmen­bringend kriti­siert zu werden. Aber ach, der Mut war nicht da. Frau Justiz­ministerin Zypries wandte sich zwar gegen die Mau­scheleien mit jenen fünf hand­ver­­lesenen Provider-Unternehmen. Nach­dem aber die Presse zunächst noch allzu brav alles des Ver­brechens der Kinder­porno­graphie zieh, was nicht eifrig zu den Stopp­schilder­plänen Ja und Amen sagen wollte, bekam sie kalte Füße.</p>
<p>Nun ging es nur noch um Effizienz und Grund­gesetz, die Ein­führung der Stopp­schilder war ja schon beschlossene Sache. Und somit überholte sie gleich noch Herrn Schäuble rechts, der nicht wusste, wie ihm geschah: Das BKA sollte Zugriff auf die Daten der Bürger erhalten, die auf ein Stopp­schild surften, ob freiwillig oder aus Versehen, ob fern­ge­steuert über Viren oder Spam oder durch boshafte Mail­empfeh­lungen. Jeder, der das Schild mehr­fach sieht, muß sich einen An­fangs­verdacht gefallen lassen. BKA und Justiz­mini­sterium im Gleich­schritt.</p>
<h3>Chancen verpassen</h3>
<p>Es ging also nur darum, Frau von der Leyen nicht das ganze Feld zu überlassen. Traurig. Jetzt, nach der Anhörung, aber noch vor der Wahl, waren einige Ab­ge­ord­nete hell­hörig geworden. Man kann nicht jedem Ab­ge­ord­ne­ten vor­werfen, dass er sich nicht überall auskennt. Auch nicht, wie leicht sich Spitzen­politiker von einer Hand­voll altkluger <a href="http://de.sevenload.com/videos/SyMWUPh-Kinder-fragen-Politiker-nach-dem-internet" target="_blank">Kinder vorführen lassen</a>. &#8220;Was war denn nun schon wieder ein Browser?&#8221;. Wittgen­stein hat be­kannt­lich gesagt, worüber man nicht reden könne, darüber müsse man schweigen. Er hat es zwar in einem völlig anderen Kon­text gesagt und das Zitat passt eigent­lich hier nicht her, aber die Ver­suchung ist zu groß, ich lasse es stehen. Ignoranz und Bor­niert­heit kann man einem Ab­ge­ord­neten hin­ge­gen sehr wohl vor­werfen. Und so gingen weitere Stimmen perdü, als Dr. &#8220;Gaga Gogo&#8221; Wiefels­pütz laut darüber phanta­sierte, was man schönes mit der Zensur­platt­form noch so  anstellen könne. Zum Beispiel &#8220;ver­fassungs­feind­liche&#8221; Inhalte sperren. Darüber hat sich <a href="http://www.internet-law.de/2009/06/wiefelsputz-und-die-internetzensur.html" target="_blank">Thomas Stadler schon pro­fes­sio­nell geärgert, das zitiere ich</a> einfach nur.</p>
<p>Das war also der Auftakt unseres Superwahljahres. Wahlgetöse und nun das. Das kann ja noch heiter werden. An­ge­sichts solcher Zu­stände in Berlin wundert es nicht, daß die &#8220;Sonstigen&#8221; mit gut über zehn Prozent bereits zweimal die 5-Prozent-Hürde nehmen könnten. Jeder zehnte Wähler ist nicht im Parlament vertreten. Von den Nicht­wählern ganz zu schweigen, aber wenigstens hier war keine weitere Ver­schlech­te­rung zu be­kla­gen, es waren wenige bei der Wahl, aber wenig­stens nicht weniger als sonst. Und von den wenigen haben auch noch 2,2 Prozent un­gültig ge­wählt.</p>
<p class="finish">Pisa oder Protest?</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.svb.bayern.net/2009/06/11/warnschus-vor-den-bug/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

