SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Samstag 14. Juli 2018

Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen
Lucius Annaeus Seneca

 

Keine Zeit

Zuverlässig einmal im Jahr wird über Zeitumstellung geredet, aber ich halte mich raus. Nicht immer, wie man hier nachlesen kann, aber doch weitgehend. Wenn ich eine Stunde früher aufstehen will, dann tue ich das. Was bei mir eher eine theoretische Überlegung bleibt, aber, und das ist der Punkt, eine die ich treffe. Höchstpersönlich.

Das ruft, wen wundert es, die EU auf den Plan. Die EU-Kommissarin Violeta Bulc hat eine Umfrage gestartet, damit die EU diese weltbewegende Frage endlich für alle Bürger klären und sich dabei auf einen gemessenen Bürgerwillen stützen kann.

Leider war der Bürgerwille nicht auf die paar Internetnutzer gegründet, die zuviel Zeit haben und daher gelangweilt rumklicken. Das Theme bewegt die Massen, und so brachen die Server sofort und auch später immer wieder zusammen. Frau Bulc gegenüber der Süddeutschen Zeitung:

SZ: Die Seite im Internet ist immer wieder nicht erreichbar

Bulc: Bei EU-Konsultationen, die auf sehr großes Interesse stoßen, kann das schon mal passieren. Aber unsere IT-Experten haben das wieder hingekriegt. Innerhalb der ersten drei Tage haben wir ja mehr als eine halbe Million Antworten erhalten. und auch jetzt gehen noch mehr als 250 Antworten pro Minute ein.

Im weiteren teilt sie noch mit, dass Mehrfachantworten ausgefiltert würden und abstimmungsberechtigt jeder sei, ohne Altersbeschränkung.

So weit, so gut, aber was heißt das?

  • In drei Tagen gingen also (mehr als) eine halbe Million Antworten ein. Jetzt sind es „immer noch“ mehr als 250 Antworten pro Minute, also 15.000 pro Stunde. Oder 360.000 pro Tag. Für mehr als eine halbe Million Bürger braucht man jetzt also nur noch weniger als eineinhalb Tage. Und nicht drei, wie zu der Zeit, als die Server zusammenbrachen.
  • Nach eigenen Angaben sind also 508 Millionen Europäer abstimmungsberechtigt. Wenn alle drei Tage 500.000 Stimmen eingehen, dann muss die Abstimmung über 3.000 Tage laufen. Die 500.000 waren aber sogar überraschend viele(!).
  • Tatsächlich läuft die Abstimmung von 4. Juli 2018 bis 16. August 2018. Das sind 43 Tage und damit rund 1,4 Prozent der Wahlberechtigten. Maximal, wohlgemerkt, denn die Server sind ja wegen des überraschenden „Ansturmes“ zusammengengebrochen.

Ich hoffe jetzt sehr, dass das nicht überheblich klingt, aber 250 Abfragen pro Minute ist kein Hexenwerk. Ich weiß das, weil meine Firma, die SpaceNet AG, mehrere Kunden mit diesen Anforderungen hat. Angesichts der Tragweite des Projekts hätte man bei uns auch sicher vorher einen Lasttest gemacht, der deutlich über die erwarteten Zahlen hinausgegangen wäre, und wir hätten aus der Simulation bereits gewußt, daß man bei der Technik nachlegen muss. Jetzt hoffe ich für die Kollegen bei der EU nur, dass es die Kommissarin war, die das Ganze einfach in der Öffentlichkeit falsch darstellt (was das oben angeführte Rechenbeispiel auch nahelegt. Das Interview war übrigens nicht mündlich, sie hatte gut Zeit, sich die Antworten zu überlegen).

Zur eigentlichen Frage äußere ich mich nicht, wie versprochen. Aber die Umfrage selbst habe ich schon angeschaut. Sie ist ebenfalls demokratisch auffällig, gleich die ersten beiden Fragen:

  1. What is your overall experience with the switching from wintertime to summertime on the last Sunday of March and from summertime back to wintertime on the last Sunday of October?
  2. Evidence suggests that common EU rules in this area are very important to ensure the proper functioning of the internal market. In order to ensure such common rules also for the future, which of the following alternatives would you favour?
    • Keeping the current EU arrangements switching between summer and wintertime for all EU Member States
    • Abolishing the switching for all EU Member States?

Frage eins geht die EU schlicht nichts an. Bei der nächsten Bundestagswahl steht sicher auch nicht auf dem Wahlzettel „Was sind Ihre Erfahrungen mit den etablierten Parteien?“

Frage zwei ist zunächst keine Frage, sondern eine ungestützte Behauptung: Ohne EU-weite Regelung funktioniert also der Binnenmarkt nicht. Und daher gibt es nur zwei Wahlmöglichkeiten: Zeitumstellung für alle EU-Mitglieder oder für keines. Tertium non datur. „Evidence suggests“ … klingt sehr wissenschaftlich.

Frage drei ist ungefähr dasselbe nochmal, mit der erleichternden Wahlmöglichkeit „Weiß nicht“. Bezeichnenderweise kann man nirgendwo sagen „bitte löst das Binnenmarktproblem, wenn es denn überhaupt besteht, mit IT und überlasst den Rest jedem Land.“

Das wäre durchaus möglich. Nicht alle amerikanischen Bundesstaaten haben eine Sommerzeit und das sieht dort keiner als Problem. Unterschiedliche Zeiten sind kein Problem, das sieht auch die Kommissarin, denn sie  betont: Jeder Mitgliedstaat kann seine Zeitzone frei wählen. Na also. Wenn es EU-weit verboten wird, auf Sommerzeit umzustellen, wählen wir halt im Sommer die nächste Zeitzone Richtung Osten – CAT, die Central African Time, oder irgendeine andere Zeitzone aus UTC+2.

Aber nur, wenn wir wollen.

Bildquelle: gadget-rausch.de

 

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