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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Sonntag 4. Januar 2009

Die meisten Menschen wären empört, würde man ihnen sagen, ihr Vater sei ein Gauner gewesen. Sie wären aber eher stolz, wenn sie erführen, daß ihr Urgroßvater Seeräuber war.
Christian Friedrich Hebbel

 

Feiger Angriff

Heute morgen hat sich einer feiger Angriff ereignet – die Piraten haben ein Polizei­schiff unter ihre Kon­trolle gebracht. Somit konnten sie mit dem Pi­ra­ten­schiff und dem Polizei­schiff einen Bauern­hof an­grei­fen, der un­weit der Küste liegt. Dort haben sie alle Tiere ge­schlach­tet, die Men­schen ver­trie­ben, ein nahe­lie­gen­des Kranken­haus ver­wü­stet und alles mit­ge­nom­men, außer den Kranken.

Nachdem die Küste verwüstet und definitiv keine Tiere mehr zum Schlachten er­reich­bar waren, se­gel­te die Flotte auf die hohe See, wo sie, man glaubt es kaum, als­bald der Arche Noah ansichtig wurden. Heißa, das waren viele Tiere zum Schlachten. Die ge­plün­der­te Arche schloß sich auch den Piraten an. Nach getaner Tat sahen sich die Piraten an und be­schlos­sen, Prin­zes­sin Lilli­fee sei nutz­los, die könne man ei­gent­lich kiel­holen, und wäre nun nicht das Früh­stück fertig ge­we­sen, wer weiss, was die schreck­lichen Lego­pi­ra­ten noch alles an­ge­stellt hätten. Man sieht: Wir hatten Besuch, von Kindern, genauer gesagt, von Buben, sonst hätte Lilli­fee noch eine Chance ge­habt.

Für Kinder sind Piraten Helden. Sie be­rufen sich auf das Recht des Stär­keren, sind frei und tragen inter­es­sante Kla­mot­ten. Echte Piraten sind ver­mut­lich ein­fach Ver­brecher. Sie tragen schmutzige T-Shirts und sind allein aus Selbst­er­hal­tungs­trieb ver­mut­lich ge­nau keine Hel­den. Sie greifen nur Schwächere an und Papa­geien haben sie nur in den sel­ten­sten Fäl­len auf der Schulter.

Aber beschäftigt haben uns die Piraten immer schon, dazu muß man nicht an der Küste wohnen. Nun sind die Bayern kein aus­ge­sproche­nes See­räu­ber­volk, da gibt es ein­deu­ti­gere Kan­di­da­ten. In noch nicht ganz ver­jähr­ten Zei­ten waren wohl die Eng­länder das Volk, das die Pira­terie als ge­wöhn­li­ches und durch­aus ehren­haftes Ge­wer­be an­sahen.

Das kann man schön belegen. Von lateinisch prendere, nehmen, stammt mit kleinen Umwegen die Prise. Mag der Bayer nun schon wieder ganz land­ratten­ge­mäß an Schmalz­ler denken (Host a Prisn?), so denkt der Frei­beuter an den Begriff für die Beute aus dem auf­ge­brach­ten Schiff. Eben das, was man nimmt. Nach­dem man es ge­entert hat. Und voilà, fertig ist der Aus­druck enterprise. Und wir sehen: Die britische Auf­fas­sung von Unter­nehmer­geist trägt noch heute die schwarze Augen­klappe.

Die Eng­länder teil­ten die Piraten ge­schickt auf, in Kaper­fahrer und in See­räuber. Er­stere waren quasi staat­lich legi­ti­miert, durch Kaper­briefe, letztere waren weiter Ver­brecher. Das hatte natürlich, hi­sto­risch be­trach­tet, einen tiefen Sinn. Für die Eng­länder waren die Spanier das, was für die Griechen die Perser waren: Die ständige Unter­gangs­drohung. Daher war es für Elizabeth I jedes Mal eine be­son­ders gute Nach­richt, wenn wieder eine spanische Galeone von Leuten wie Sir Francis Drake auf­ge­bracht wurde und das spanische Silber nicht nur nicht in Madrid ankam, sondern teil­weise sogar in London. Drake über­fiel aller­dings viel lieber Fre­gatten als Galeonen, und er war mei­stens selbst auch nur auf Scha­lup­pen unter­wegs. Ein Stil, mit dem er heute vor der soma­lischen Küste auch nicht gleich auf­ge­fallen wäre.

Aber die Briten waren nicht die ersten, die in Piraten Unter­nehmer sahen. Die Griechen, auch eine große See­fahrer­nation, haben sogar das Wort ge­lie­fert. Πειρατῆς (peiratés) nannten schon die Griechen die See­räuber, der lateinische pirata hatte es nicht mehr weit bis zur Neu­zeit. Das griechische Wort kam aller­dings von πειράομαι, ich ver­suche etwas, ich wage, ich unter­nehme etwas. Nach einem reinen Ver­brecher hört sich das nicht an. Die Römer sahen das anders. Für sie trieben die See­räuber kein Geschäft, sondern ein Un­wesen. Sprach­lich ist das bis heute so. Aber den Römern waren ja alle suspekt, die sich auf dem Meer wohl­fühlten. Und sie waren Gnaeus Pompeius sicher dank­bar, dass er sie 67 vor Christus von den kili­ki­schen See­räu­bern der Antike be­freite. Wo Kili­kien liegt? Zypern zeigt heute noch an­kla­gend mit dem Finger drauf…

Seeräuber gibt es wohl, seit es Seefahrt gibt. Auf­fal­lend die Viel­zahl an Synonymen. Was gibt es denn außer See­räubern, Piraten und Frei­beuter noch?

Filibuster

Den hatten wird schon. War nur nicht gleich zu sehen: Filibuster kommt von spanisch filibustero. Das wiederum kommt von frz. flibustier, und das, man möchte es kaum glauben, ist nieder­ländisch vrijbuiter. Das spricht sich „Frei­bauter“ und ist nie­mand ge­rin­geres als unser alt­be­kann­ter Frei­beuter, mit dem Kla­bauter nicht ver­wandt.

Kaperfahrer

Und wenn die Kaper­fahrer auch mehr­fach das Kap der guten Hoffnung und Kap Hoorn um­runden, die Kaps haben den Namen vom lateinischen caput, dem Kopf. Auch wenn sie gerne Kapern essen mögen sollten, die wie­de­rum kommen ur­sprüng­lich aus dem Grie­chi­schen und müssten ei­gent­lich Kappern heißen (wissen­schaft­lich Capparis spinosa). Nein, kapern kommt fast ohne Umweg direkt aus dem Latei­ni­schen: capere heißt „fangen“. Manche be­haup­ten auch, es käme von Alt­friesisch kapia – „kaufen“. Als Nicht-Sprach­wis­sen­schaft­ler habe ich den Mut, das an­zu­zwei­feln. KAUFEN? Ist wohl genau das Gegen­teil von Kapern.

Bukanier

Die karibischen Ariwaken räucherten Fleisch auf einem Grill, der auf indianisch bukan hieß. Das über­nahmen die franzö­si­schen See­räuber, die von Hi­spani­ola aus auf die Schild­krö­ten­insel flohen und dort einen netten kleinen See­räu­ber­stütz­punkt auf­machten, zu­sam­men mit in­zwi­schen hin­zu­ge­stoßenen Eng­län­dern und Hol­län­dern. Ob sie sich selbst bou­ca­niers und auf eng­lisch buc­ca­neers nann­ten, ent­zieht sich meiner Kennt­nis, es könnte auch ein Spitz­name ge­we­sen sein. Bald jeden­falls war der Be­griff nicht mehr auf die Schild­kröten­insel (span. Tortuga, gehört heute zu Haiti) be­schränkt. Zeit­wei­lig be­zeich­nete er sogar eine be­son­dere Klasse von Piraten, zu­min­dest, wenn man Wiki­pedia trauen kann:

Als Unterscheidungsmerkmal wird hier häufig das Besitzverhältnis am Schiff herangezogen. Nach dieser Unterscheidung fuhren Freibeuter auf Schiffen die ihrem jeweiligen Landesherrn gehörten, Bukanier-Schiffe hatten als Eigner Gouverneure (z.B. von Jamaika) und Aktionäre, während Piraten selbst Herr über ihre Schiffe waren.

Man sieht, es geht zu wie bei den Banken. Manche gehören dem Staat, manche ihren Aktio­nä­ren, aber die besten sind immer noch die, die von Pri­vat­bankiers ge­führt wer­den.

Korsar

Die Korsen sind unschuldig. Naja, nicht ganz, auf Korsika gab es jede Menge See­räuber. Aber die Korsaren haben nichts mit Korsika zu tun. Ihr Name kommt von lat. currere, laufen. Nun kann man heute noch „einen Lauf haben“, wenn alles gut läuft, und so löste in der Spät­antike der cursarius den pirata sprach­lich immer wieder ab. Aber erst unter den nord­afri­ka­ni­schen Bar­baren, später kürzer als Berber bezeichnet, kam der Begriff zur Blüte. Die Spanier hatten die Mauren vertrieben, welche sich wiederum in Nord­afrika ein neues Ge­schäft auf­bauen mußten. Da kam ihnen zugute, dass See­räu­be­rei ehren­haft war, dass der Dschihad eine weitere Legi­ti­ma­tion liefern konnte und dass man sich last but not least schnell unter die Fittiche des Os­ma­ni­schen Reichs be­geben hatte. Diese Klepto­kratien, die so­ge­nann­ten Bar­ba­res­ken­staaten, lagen da, wo heute Al­gerien und Tu­ne­sien ist.

Vermutlich haben sie es irgendwann übertrieben. Im neunzehnten Jahrhundert kam sogar die US Navy zu Hilfe, als dem Kor­saren­un­wesen im Mittel­meer ein Ende be­rei­tet wurde. Den Mächten, die darauf Nord­afrika re­ko­lo­ni­ali­sier­ten, kam die Ent­wick­lung sicher nicht un­ge­legen. Was man daran er­kennt, dass sie sich gleich auch noch das völlig un­schul­di­ge Marokko unter den Nagel rissen. Aber staat­liche Raub­züge sind per definitionem keine Piraterie.

Guter Trick

 

2 Kommentare zu “Feiger Angriff”

  1. agc sagt:

    „Was uns vor allem an dieser Stelle interessiert, sind die eigenartigen Menschen, die an der Spitze dieser Unternehmungen standen. Es sind kraftstrotzende, abenteuerlustige, sieggewohnte, brutale, habsüchtige Eroberer ganz großen Kalibers, wie sie seitdem immer mehr verschwunden sind. Diese genialen, und rücksichtlosen Seeräuber, wie sie namentlich England während des 16. Jahrhundters in reicher Fülle aufweist, sind aus dem selben Holz geschnitzt wie die Bandenführer in Italien, wie die Can Grande, Franzesco Sforza, Cesare Borgia, nur daß ihr Sinn stärker auf Erwerb von Gut und Geld ausgerichtet ist, daß sie dem kapitalistischen Unternehmer schon näher stehen als diese.

    Männer, in denen sich die abenteuerliche Phantasie mit größter Tatkraft paarte […]; Männer mit höchsten Fähigkeiten zur Organisation und voll kindischen Aberglaubens. Mit einem Worte: Renaissancemenschen.“

    aus: Werner Sombart, Der Bourgeois, Berlin 1913

  2. SvB-Blog » Blogarchiv » Das Lachen der Hühner sagt:

    […] Die Piraten greifen nochmal an: Nachts vor dem Schlafzimmerfenster von Diana Golze und Horst Seehofer. Besser gesagt, vor den Schlafzimmerfenstern… […]

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