SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Sonntag 28. Juni 2009

Luxus braucht Bewunderer und Mitwisser
Seneca

 

Luxus und Dekadenz

lu_Nymphelu_tischfussKennen Sie Santa Barbara? Auf der ganzen Welt gibt es vermutlich über fünfzig davon, allein neun in Mexico. Aber hier ist die Rede von dem Santa Barbara in Kalifornien. Wo die Reichen und Schönen wohnen. D.h., zur Zeit wohnen. Oder zumindest einen Wohnsitz unterhalten, das trifft es vermutlich am besten. Früher waren das eher Städte wie Antibes oder Cannes. Und noch früher war es Baiae, am Golf von Neapel, oder Herkulaneum, Bauli oder Pompeii. Dort, in der Umgebung von Neapel, versammelte sich früher die Elite aus Herkunft, Macht und Geld.

In Baiae hatte die Prominenz aus Rom ihre Villen, und wenn man sagt „Prominenz“, dann darf man sich darunter wirklich die Prominenten vorstellen, nicht die „Promis“. Caesar und Brutus, Cicero und Verres, Seneca und Nero, alle hatten hier Villen. Cicero sogar gleich mehrere davon, nicht nur in Baiae, sondern eigentlich in fast jedem Ort der Gegend eine. Klingt protzig und war auch so gedacht. Als homo novus, also nicht aus einer adeligen Familie stammend, hatte dieser große Mann eine ausgesprochene Achillesferse in gesellschaftlichen Fragen. Heute hieße man so einen „Selfmademan“. Das hat den Neureichen abgelöst, oder den Parvenü. Alles dasselbe, seit tausenden Jahren belächelt man den Aufsteiger, nicht den Erben.

lu_orestpyladesbild1Aber wie ging es weiter damals? Wissen wir. Pompeii ging unter im Aschenregen des Vesuvs elf Tage nach den Iden des Sextember, der seit ein paar Dezennien August genannt wurde, im Jahre 832 a.u.c., mittags. Heute würde man sagen 24.8.79 nach Christus, 13 Uhr. Fast zeitgleich kam die Lava nach Herculaneum – die beiden Städte sollten sich nie wieder erholen. Baiae ereilte ebenfalls ein Schicksal, wenngleich nicht so heftig für die Bewohner: Es ging unter, im wahrsten Sinn des Wortes, und liegt heute zum größten Teil unter Wasser. Der Untergang ausgerechnet solcher Städte hat nicht nur heutige Archäologen beeindruckt. Bereits in der Antike kritzelte jemand einen Vergleich mit Sodom und Gomorrha an eine Wand in Pompeii. Die Archäologen sind uneins, war das eine Warnung oder eine Quittung? Vermutlich letzteres. Jedenfalls gab es 79 nach Christus bzw. ein halbes Jahrhundert nach seiner Hinrichtung schon Leute auf der italischen Halbinsel, die die biblischen Geschichten zitieren konnten.

Dem ganzen Thema kann man sich derzeit in München nähern, es gibt eine fabelhafte Ausstellung: Luxus und Dekadenz, in der archäologischen Staatssammlung am Englischen Garten, hinter dem Nationalmuseum. Dort lohnt es sich den Fragen nachzuspüren: Was ist gleich wie damals? Und was ist anders? Bankiers, die mit Hilfe von Spekulationen ein Vermögen verdienten. Ein Mann, der sich vom Sklaven hocharbeitete und als Freigelassener bei seinem Tod gut 4000 Sklaven hinterließ und 16 Millionen Sesterzen, die eine Million Sesterzen nicht mitgerechnet, die er für sein Begräbnis auf die Seite gelegt hatte. Zum Vergleich: Der Stundenlohn damals betrug typischerweise ein As, fünf Asse waren zwei Sesterzen. Der Freigelassene gab also für sein Begräbnis mehr aus, als ein normaler Arbeiter oder ein Soldat in eintausend Jahren mit täglich 10 Stunden Arbeit verdienen konnte. Dann war da noch die Statue eines Mannes, der als Steuerpächter das heutige Libyen so ausplünderte, daß selbst seine Landsleute eine Augenbraue hoben. Darauf spendierte er seiner Stadt eine neue Stadtmauer und entging einer Untersuchung.

Und schon damals hatten die Menschen Sinn für Kunst und Handwerk, für Dinge, die sie oft selbst nicht herstellen konnten. Die besten Statuen kamen aus Griechenland, Eisen und Stahlkonstruktionen von den Kelten und den Iberern, Glas aus Germanien oder aus Asia minor. Der Goldnachschub versiegte nicht, in Hispanien wurden ganze Flüsse umgeleitet, um die reichen Goldvorkommen aus den Gebirgen freizuwaschen. In den Manufakturen werkelten die Sklaven, das steuerte seinen Teil bei, aber das beste war immer noch die Steuerpacht: Wer sich in der Politik verdient gemacht hatte, durfte ein paar Jahre irgendeine Provinz ausplündern. Das lohnte sich, das geplünderte Geld reichte oft mehrere Generationen. Die Oberklasse war also reich. Sozusagen stinkreich, auch wenn pecunia non olet.

Gleichzeitig steckte Rom in den 70ern und frühen 80ern in einer heftigen Wirtschaftskrise, die allerding weniger mit dem Vulkanausbruch zu tun hatte, mehr mit Aufständen in den Provinzen, deren Niederschlagung immer kostspieliger geworden war, bei gleichzeitig schwindender Opferbereitschaft der römischen Bürger und immens angestiegenen Staatsausgaben und einer sich immer weiter aufblähenden Bürokratie. Neros Regierungszeit war 68 zuende gegangen. Wie auch immer man zu ihm steht, ob er nun ein großer Künstler war oder ein bluttriefender Despot, in jedem Fall war der Römische Staat von ihm ruiniert worden, oder er hatte den Ruin nicht verhindert. Nicht nur mit der Erfindung der Inflation, angeblich hatte er ja das Gold in den Münzen mit minderwertigen Metallen gestreckt, um den Staatsbankrott abzuwenden. Damit ruiniert man den Staat nicht, das ist ja heute ein anerkanntes Mittel zur Staatsfinanzierung.

Aber zurück: Wie hätte damals die Oberschicht dieses Verhängnis erkennen können? In einem Hausstand, in dem rationaler Einsatz von Arbeitskräften keine Rolle spielte? Wo es für den Status nur darauf ankam, möglichst viele Sklaven zu haben? Was für Jobs gibt es denn in einem Haus für ein paar hundert Leute? So entstanden die erstaunlichsten „Berufe“, Perlenkästchenbewahrer, Speisenabräumer, Zeitansager, Terminplaner, so langweilten sich die Sklaven wenigstens nicht gar zu sehr. Am nützlichsten war sicher der Einflüsterer. Wenn einem jemand auf der Strasse entgegenkam, den man kennen sollte, flüsterte dieser Sklave den Namen des Betreffenden in das Ohr seines Herrn. Wundervoll!

Trotzdem, die Anzeichen von Dekadenz sind nicht zu übersehen. Aber die vorläufige Rettung für das Römische Reich nahte in Gestalt des gütigen und vernünftigen Vespasianus, der seine Ohren gegenüber den nach Gold schreienden Hofschranzen verschloß und dem ganzen Staat eine Schlankheitskur verpaßte, die ihresgleichen suchte. Das ging so weit, dass die öffentlichen Bedürfnisanstalten Eintritt verlangten, was sogar seinem Sohn Titus, dem späteren Kaiser Titus, peinlich war. Vespasian sagte aber eben nur sein berühmtes: Geld stinkt nicht, pecunia non olet.

Zurück zur Ausstellung: Was es damals nicht gab, waren Computer und ihre ganz besonderen Möglichkeiten. Ausgesprochen faszinierend anzusehen sind die virtuellen Rundgänge durch römische Villen, die man auf den vielen Monitoren erleben kann. Marmor, viel Wasser, und bronzene Treppengeländer, wie man sie heute hauptsächlich in Amerika antrifft. Eine Badewanne mit Heizung – wichtig, wenn man nicht heisses Wasser nachlaufen lassen kann, weil man ja in Eselsmilch badet wie Poppaea, die Frau des Nero, die damit der Alterung vorbeugen wollte. Ihr Mann Nero hat ihrer Alterung allerdings noch nachhaltiger vorgebeugt. Und last but not least Alltagsgegenstände, die in keiner Küche fehlen dürfen, zum Beispiel ein Tonkrug zum Mästen von Siebenschläfern. Und gefüllte Siebenschläfer mit Honig und Mohn sind doch einfach zu köstlich, viel besser als gebackene Otternasen („Leben des Brian“) oder eingelegte Nachtigallzungen („Asterix“).

Zwei Stunden benötigt man für einen konzentrierten Rundgang, das ist nicht schlecht für

eine Zeitreise über 2000 Jahre.

Bildquelle: Alle Abbildungen habe ich im Museum geklaut. Hoffentlich durfte ich das.

 

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