Kinderleichte Lösung
Nun ist es so weit: Wir leihen den Griechen Geld. Wir, d.h. die Bundesrepublik Deutschland, werden 8,4 Milliarden Euro herleihen. Technisch wird es darauf hinauslaufen, daß irgendwelche Banken das Geld herleihen, aber zu AAA-Konditionen, und die Bundesrepublik Deutschland bürgt dafür. Die FDP hatte sich bereits beschwert, daß für die Steuersenkungen kein Geld da sei, wohl aber für die Griechen, aber das ist natürlich Unsinn, denn hier werden Äpfel und Birnen verglichen. In einem Fall wird Geld, das uns nicht mal gehört und das an anderer Stelle dringend benötigt würde, mit vollen Händen zum Fenster rausgeworfen und landet in den Taschen einiger weniger, im anderen Fall helfen wir wenigstens unseren Nachbarn …
Kleiner Scherz: Umgekehrt stimmt es natürlich auch. So wie die Steuersenkungen tatsächlich in höchst polemischer und vereinfachender Form vor allem auf Kosten der Kommunen und Länder geplant war und auch seit der Hotelsteueraffäre niemand mehr so recht der FDP in solchen Dingen wirklich etwas Seriöses zutraut, so ist es auch höchst peinlich, wenn Herr Kauder von der CDU alle wundervollen Sachargumente ignorierend seinem Koalitionspartner (?) öffentlich vorhält, keine Ahnung von Wirtschaft zu haben, da er Bürgschaften mit ausgegebenem Geld verwechsle. Hier zeigt sich bei Herr Kauder eine peinliche Abwesenheit von Erfahrung in Gelddingen – oder er stellt die Sache schlicht wider besseres Wissen falsch dar: Eine Bürgschaft mit nicht ausgegebenem Geld zu verwechseln, ist kaufmännisch grob leichtsinnig, meist einfach falsch.
Mit der Bürgschaft oder einem direkt ausgereichten Kredit schaffen wir in jedem Fall eine neue Abhängigkeit vom Ausgang des Griechendramas. Griechenland wird noch systemrelevanter, man wird immer noch bessere Argumente haben, gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen. Im übrigen würden die Griechen das Geld ja gar nicht direkt bekommen, und wenn sie drei Jahre durchstreiken.
Das ist sogar meiner Tochter Marie aufgefallen, die noch keine acht Jahre alt ist. Sie sagt „Ich würde den Griechen kein Geld geben. Wenn die Griechen das Geld brauchen, um Schulden zurückzuzahlen, dann haben sie das Geld ja längst bekommen und irgendwas dummes davon gekauft. Wenn wir ihnen das Geld jetzt nochmal geben, haben sie es zweimal bekommen. Wir müssen das Geld denen geben, denen die Griechen es schulden. Aber wieso eigentlich? Wir schulden das denen doch erst recht nicht!“.
Ich finde diese Argumentation bestechend. Wo sie recht hat, hat sie recht. In unsere schlaue Erwachsenensprache übersetzt ist das die Forderung nach jenem haircut, wie er nun unbegreiflicherweise nicht stattfinden wird. Was ist ein haircut? Das ist ein relativ mildes Ergebnis einer Gläubigerkonferenz. Alle Gläubiger verzichten auf einen Teil ihrer Forderungen. Sagen wir 30 Prozent. Die verbleibenden 70 Prozent werden darauf zurückgezahlt und umgeschuldet. An einen neuen Gläubiger, der natürlich vorher Bedingungen geknüpft haben wird und ein eher nicht pekuniäres, sondern eher strategisches Ziel damit verfolgt. Die Bonität leidet, aber viel tiefer als junk kann man im Rating nicht fallen.
In unserem Beispiel wäre das so: Die neuen Kredite für Griechenland wurden mit immer schlechter werdender Bonität immer teurer. Durch den höheren Zins ließen sich die Banken das höhere Risiko finanzieren. Zu Recht, wie man gesehen hätte, denn sie müssten ja tatsächlich auf einen Teil verzichten. Machen wir eine einfache Rechnung: 1.000.000 verliehen. Zins 12%. Nach einem Jahr 120.000 Zinsen bekommen. Nach einem zweiten Jahr 120.000 Zinsen bekommen. Macht rund 3.600 Euro noch oben drauf pro Prozentpunkt. Rechnen wir sparbuchmäßig mit 2 Prozent, macht also 7.200. Im dritten Jahr fällt der Schuldner aus. Er schuldet inklusive Zinsen 1.120.000. Die Quote war 70%. Macht also 840.000. 840.000 + 240.000 + 7.200 = 1.087.200 Euro nach drei Jahren. Die Rechnung klingt genauer, als sie ist, aber das Ergebnis sind in jedem Fall mehr als jene 2 Prozent. Keine tolle Verzinsung, toll waren die 12. Aber dass die kassiert werden können, dazu braucht es doch einer gewissen Opferbereitschaft auf Seiten der neuen Gläubiger, die ohne Sicherheit zu viel niedrigeren Zinsen Kredite ausreichen, die verwendet werden, um die höheren Zinsen wegen schlechter Bonität zahlen zu können. Wer sich hier mit Derivaten höhere Risiken eingehandelt hat, schaut durch die Finger. Zu Recht.
Wenn meine siebenjährige Tochter schon versteht, dass der Verzicht auf den haircut Quatsch ist, und wir dennoch eine andere Politik verfolgen, frage ich mich, wieso wir diese Republik nicht einfach heute schon meinen Kindern anvertrauen. Auch wenn ich gerne unrecht hätte:
Das Schlamassel badet eh deren Generation aus.