SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Samstag 9. Juli 2011

Grimmepreis für Plagiatsjäger! Und nächstes Jahr werden die ausgezeichnet, die Falschparker melden...
Dieter Nuhr via Twitter

 

Grimmig

Wer hätt’s gewußt? All diese Lieder sind von ein und dem selben Autor:

  • Alle Vögel sind schon da
  • Wer hat die schönsten Schäfchen
  • Ein Männlein steht im Walde
  • Summ, summ, summ, Bienchen summ herum
  • Winter ade , scheiden tut weh
  • Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald
  • Der Kuckuck und der Esel
  • Morgen kommt der Weihnachtsmann

Jeder kennt die Lieder. Und keiner(?) weiß, von wem sie sind, aber jeder kennt den Autor, der sich übrigens wegen seiner revolutionären Lieder und Gesinnung zu rechtfertigen hatte – verrücktes neunzehntes Jahrhundert. Um wen geht es?

Füge ich ein weiteres Lied hinzu, ist es klar: Das Lied der Deutschen, dessen erste Strophe inzwischen schamhaft weggelassen wird und dessen dritte Strophe der Text unserer heutigen Nationalhymne ist.

Der Dichter hat das im August 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland geschrieben und für 4 Louisdor an den Stuttgarter Verleger Julius Campe verkauft, wie man amüsiert auf Wikipedia erfährt – das Lied der Deutschen als europäisches englisch-französisch-deutsches Phänomen. Jetzt wissen wir, um wen es geht: August Heinrich Hoffmann, der sich, um nicht mit den tausenden anderer Hoffmanns verwechselt zu werden, nach seinem Herkunftsort ohne jede Adelsattitüde Hoffmann von Fallersleben nannte.

Wie komme ich auf ihn? Nun, er hat auch gesagt: „Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant“. Im neunzehnten Jahrhundert war das klar, aber wie ist es heute, ist das noch Konsens? Eine große Blüte hatte das Denunziantentum im Dritten Reich. Auch in der DDR war das Hinhängen von Kollegen, Nachbarn, Freunden und Familienangehörigen Breitensport. Da war das Aufspüren und Outen von Nazis und Stasispitzeln nach Beendigung der jeweiligen der Zwangsherrschaft nur konsequent, ein legitimes Mittel zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit.

Und so drehte sich das Blatt, unmerklich, aber spürbar, messbar, sichtbar. Denunziation war gesellschaftsfähig geworden. Ein legitimes Mittel, vor allem bei ungleichem Kampf. Thomas Knüwer betreibt ein Blog mit dem schockierenden Namen „Indiskretion Ehrensache“. Verräter heißen nicht mehr Verräter, sondern Whistleblower, ihr Zentralorgan ist Wikileaks und sie sind Helden, gegen die das Establishment nur mit miesen Tricks vorgehen kann.

Ein leibhaftiger Verteidigungsminister wurde von einem Team im Internet gestürzt, nachdem vorgeführt worden war, wie skrupellos der Mann bei seiner Doktorarbeit gemogelt hatte. Guttenberg versuchte es zunächst mit Arroganz, aber was vor zehn Jahren noch geklappt hätte, verfing nicht mehr. So gesehen markiert „Guttenplag“ einen Meilenstein – und wurde gleichsam geadelt: Mit dem Grimme Online Award in der Kategorie „Spezial“. Das war am 23. Juni. Nicht belohnt wurde „Vroniplag„, auch wenn hier ungleich mehr Promotionsbetrüger zur Strecke gebracht werden. Vielleicht war es die Quittung für den ungebührlichen Titel. Die namengebende Veronika Saß anzugreifen, ist eine Sache. Die pseudointime Anrede „Vroni“ ist jedenfalls die reine Anmaßung.

Um Mißverständen vorzubeugen: Wikileaks hat Gutes bewirkt. Knüwers Blog ist wirklich interessant. Und Guttenplag hat einen Blender entlarvt, bevor er beinahe Kanzler, Präsident oder gar deutscher Kaiser geworden wäre. Aber der Angriff auf Frau Saß war ausschließlich motiviert dadurch, daß die Unglückliche die Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Ä. Stoiber ist. So bleibt angesichts dieser Preisverleihung für ein Denunziantenportal doch ein ungutes Gefühl.

Wo verlaufen jetzt die ethischen Grenzen?

 

Ein Kommentar zu “Grimmig”

  1. Tim Cole sagt:

    Warte, warte nur ein Weilchen, bis ich die zuständigen Stellen auf diesen Blogeintrag aufmerksam gemacht haben…

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