SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Mittwoch 21. März 2012

Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in seiner letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben und mit Größe in die Ewigkeit einzugehen.
Mark Twain

 

Meckels Messerzüge

Meckels Messerzüge

Wie man 1803 seinen Vater kochte

Ich war dreizehn Jahre alt, mein Freund Ludwig Wucherer erst zwölf, als das Unvorstellbare auch wirklich geschah – wir schnitten meinen Vater auf. Seine Eingeweide schwammen in weißlichem Wasser, und tatsächlich ragte die gewanderte Leber wie ein Inselberg daraus hervor. Die Geheime Räthin Meckel, Deine Großmutter, musste eine große Schöpfkelle aus der Küche holen, weil die anatomische für die Ausschöpfung ihres Gatten einfach zu klein war. Wir köpften den Vater, natürlich vorsichtig, und wir weideten ihn aus. Dann entfleischten wir ihn und kochten seine Knochen.

Was für ein Anfang! Wer aber nun meint, das vorliegende Buch sei geeignet für Menschen, die schon immer mit ihren Vätern abrechnen wollten, der hat sich geirrt. Das Fleischpräparieren  und Knochenkochen ist nichts als Lokalkolorit, handelt es sich bei der Familie Meckel doch um eine Versammlung von Koryphäen der Anatomie. Und so wie das Aufschneiden von Leichen seine Schrecklichkeit verliert, wenn sie alltäglich und banal wird, so erscheinen, sind wir einmal mitten drin, auch die Schrecken des Krieges entfernter denn je zuvor.

Autor des Buches, eines Berichtes über die entscheidenden Jahre seines Lebens, ist Albrecht August Meckel von Hemsbach, Professor der Anatomie und gerichtlichen Medizin auf dem Bürgerspital zu Bern und wirklich gewesener Oberjäger des Lützowschen Freicorps. Nun ja, stimmt nicht ganz, Autor ist Wilhelm Bartsch, aber ihm schien dran gelegen, ein Buch zu schreiben, das jener Meckel tatsächlich geschrieben haben könnte. Jener Meckel deshalb, weil der wirklich bekannte Meckel sein Vater, der oben zerlegte, und sein Bruder waren. Und den er verwirrenderweise „Meckel“ nennt.

Bücher fesseln uns, wenn sie uns in unbekannte Welten entführen. Aber manchmal sind es Welten, die wir dachten zu kennen. Bis wir sie betreten. Was war vor zweihundert Jahren? Die Klassik ist gerade vorbei, die Neuzeit beginnt. Die Wissenschaft macht bahnbrechende Entdeckungen. Napoleon Bonaparte hatte es geschafft, ganz Europa in Angst und Schrecken zu versetzen. Wie groß sein Einfluß war, lernt man im Geschichtsunterricht, aber für viele bleibt diese Phase der  Geschichte in der Schule seltsam blutleer. Die Befreiungskriege, die Völkerschlacht, Lützows wilde verwegende Jagd – all das ist ja auch längst von Deutschtümlern vereinnahmt und missbraucht worden. Und außerdem: Gerade wir Bayern hatten uns mit den Franzosen aufs trefflichste arrangiert, die uns um einiges näher waren als die Preußen.

Was uns zum Thema bringt: Sich „aufs Trefflichste zu arrangieren“, das fällt heute schon deshalb schwer, weil kaum einer mehr so schreibt oder gar spricht. Oder Sätze baut, die nicht nur aus Subjekt, Prädikat und Objekt bestehen, die im Ausland gefürchtet sind, da das Verb gelegentlich erst im nächsten Band kommt. Mark Twain hat sich darüber sehr lesenswert lustig gemacht: „Whenever the literary German dives into a sentence, that is the last you are going to see of him till he emerges on the other side of his Atlantic with his verb in his mouth“. (aus: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court, Kap. 22, weitere Fundstellen in „Mark Twain bummelt durch Europa“, Anhang D „The awful German language“).

Die Sprache ist es also, die zuerst auffällt in diesem äußerst erstaunlichen Buch. Wilhelm Bartsch hat es gerade erst geschrieben. Er ist auch erst Anfang 60 und hat die Befreiungskriege nicht miterlebt, aber würde er das Gegenteil behaupten, man würde es ihm glatt abnehmen.

„Wenn mir und meinen Brüdern, und selbst dem Patenkind Ludwig, durch ihn, Philipp Theodor Meckel, dergleichen schon zur Pflicht gemacht worden war, so wollte ich solche Arbeit bei ihm doch wenigstens in einer Körpergegend verrichten, die zuvor immer gnädig von Hosen- oder wenigstens Unterhosenbeinen verborgen gewesen war, so, wie sich auch der scheinbare Vater des Himmels durch sein Himmelsblau, seine Wolken, sein Sternenzelt oder die gerippten Gewölbe seiner Kirchen verborgen hält.“

Das ist Manierismus im positivsten Sinne! Nach diesen vermutlich prägenden Jugenderlebnissen geht es also um Napoleon, den Krieg, und unglaublich komisch erscheinen uns die Lützower, allen voran der Unsympath „Turnvater“ Jahn, der schwärmerische Theodor Körner oder eben Lützow selbst, der sich mehr für Marketing interessiert als für Gelegenheiten, heldenhaft zu sterben. Auf einmal geht dem Leser ein Licht auf: Diese Menschen würden heute nicht auffallen, trotz der Distanz, die die antiquierte Sprache so deutlich zeigt.

Nach den Befreiungskriegen wird das Buch allerdings seltsam träge. Es scheint, als ob sich die ganze Welt mit dem Lecken von Wunden beschäftigt und auf den Vormärz wartet. Und je uninteressanter die Geschehnisse werden, desto stärker tritt auch die Tatsache hervor, daß der „Held“ des Buchs genau dies nicht ist: Ein Held. Er ist seinem einen Bruder wissenschaftlich unterlegen, er hat die meiste Zeit keine Frau abgekriegt und die, der seine ganze Liebe gehört, stirbt. Ein weiterer Bruder ist ein Held, aber tot und so bleibt ihm nichts übrig, als Gehilfe seines Bruders zu sein. Damit bricht der Spannungsbogen und auch ein merkwürdig nebenbei erzählter Kriminalfall gegen Ende rettet es nicht mehr.

Soll man das Buch lesen? Zweifelsohne. Die ersten Kapitel sind äußerst faszinierend, sobald man sich an den Stil gewöhnt hat, und trotz der schleppenden Handlung in der zweiten Hälfte entdeckt man immer wieder erstaunliche Perlen oder begegnet Menschen, mit denen man hier nicht gerechnet hätte (Cuvier, ETA Hoffmann) oder deren Namen man vielleicht mit Möbeln assoziiert, wie Julie Recamier, die aber als echte Menschen, aus Fleisch und Blut, kennenzulernen eine interessante Erfahrung ist. Und so legt man das Buch gegen Ende mit zwei Seufzern beiseite – erleichtert, sich durchgebissen zu haben, und doch auch traurig, wieder im Jahr 2012 angekommen zu sein.

Rückfahrkarte gefällig? Auf den Geschmack gekommen? Es geht noch authentischer. Auf Flohmärkten und in Antiquariaten bekommt man Bücher, die nicht nur in jener Zeit spielen, sondern wirklich aus ihr stammen. Und dann kann man diese auch vor dem Essen lesen,

was sich bei Meckels Messerzügen nicht wirklich empfiehlt.

 

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