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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Sonntag 25. März 2012

Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es an einem Wort der Entschuldigung nie.
Johann Wolfgang von Goethe

 

Tofuphobie

Der Aufreger des Tages: Die Agentur Scholz&Friends hat vor ein paar Jahren, wie man bei Horizont lesen kann, eine Kampagne für Maredo designt. Steaks. Gar nicht so trivial, wie bewirbt man Steaks? Brainstormen wir halt ein bißchen.

Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch?

Herrlich. Wir geben zu, daß das Essen von Tieren für einige der Probleme auf dieser Welt verantwortlich ist. Das akzeptieren wir, die einen mehr, die anderen weniger, aber im Grunde ist das alles nicht fair und so beschweren wir uns bei unserem Schöpfer, bei der Natur, oder frei nach Heinrich Böll, bei jenem höheren Wesen, das wir verehren. Wir würden ja keine Tiere mehr essen, wenn sie nicht so fürchterlich gut schmecken würden. Ein weiterer Entwurf

Tofu ist schwules Fleisch

ist hingegen weniger gelungen. Schon klar, nach ein paar Whiskey kommt das raus, wenn man als heterosexueller Mann flapsig ausdrücken will, daß Tofu eben kein Ersatz für Fleisch ist, sowenig, wie ein Mann ein Ersatz für eine Frau sein kann. Nun ist aber nicht jeder Mann hetero und manch ein Hetero hat schwule Freunde oder ist vielleicht untypisch sensibel und findet diesen Slogan blöd. In Summe würde die Werbung also eher zu einem Kundenverlust führen, und das ist nicht der Sinn von Werbung.

Frauen finden den Spruch vermutlich auch weder besonders lustig noch anregend. Alles klar, Thema verfehlt, die Kampagne wird nicht genommen. Und sicherheitshalber die mit den essbaren Tieren auch nicht. Man will die Carnivoren nicht an das Sündhafte ihres Tuns erinnern. Oder so. Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. War sie ja auch, schon vor drei Jahren. Drei Jahre krähte kein Hahn danach.

Es kam aber anders. Wir leben im Land der künstlichen Aufregungen, der skandalisierten Banalitäten. Diese Kampagne hat, so wie ich die Meldung verstehe, das Reißbrett nie verlassen. Maredo hat anders geworben. Die Tiervariante empfanden einige dennoch so kreativ, so gelungen, daß sie unabhängig von der kommerziellen Nutzung einen Preis dafür vergaben: Den silbernen Nagel des ADC e.V., das ist der Art Directors Club für Deutschland. So gelangten dann irgendwie beide Bilder an die Öffentlichkeit, nicht als Kampagne, eher zufällig, über Twitter und Facebook. Kleiner Grinser oder auch nicht, und wieder könnte die Geschichte zu Ende sein. Ist sie aber immer noch nicht.

Bei den Pressemitteilungen von Volker Beck, dem Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer und menschenrechtspolitischen Sprecher der Grünen lesen wir

Homophobe Werbung von Scholz & Friends – Beitrag in die Chauvi-Kasse fällig

„Das Motiv ist homophob und spielt mit antihomosexuellen Vorurteilen. Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch und wer so etwas denkt ist demokratisch nicht ganz bei Trost. In einem Brief an den CEO von Scholz & Friends, Herrn Frank-Michael Schmidt, habe ich deutlich gemacht, dass dafür eine Entschuldigung und ein Beitrag in die Chauvi-Kasse fällig ist. So eine Entgleisung darf einer der führenden Marketing-Agenturen in Deutschland nicht unterlaufen. Ich erwarte eine aktive Wiedergutmachung, etwa in Form einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung oder durch eine kostenlose Beteiligung an einer Kampagne gegen Homophobie und Ausgrenzung.“

Homophobie? Wieso redet Beck so geschraubt, er wollte ja vermutlich eigentlich von Schwulenfeindlichkeit reden. Homophobie und Schwulenfeindlichkeit ist nicht dasselbe, auch wenn es gelegentlich synonym verwendet wird. Das Wort Homophobie wurde 1967 von George Weinberg geprägt. Bei Phobien handelt es sich immer um Ängste, und die Homophobie behandelte zunächst lediglich die Tatsache, daß Männer im allgemeinen Angst davor haben, für schwul gehalten zu werden, weshalb sie alles meiden, was tuntig wirken könnte.

Daher tragen Männer selten rosa, mögen keine kleinen Autos und essen gerne große Steaks. Das sind natürlich keine „antihomosexuellen Vorurteile“, wie Herr Beck vermutet, das ist Fakt. Männer mit starkem Selbstbewusstsein haben diese Angst vielleicht nicht und können deshalb ins Ballett gehen und Robbie Williams hören. Oder gar Tofu und Rucola essen. Natürlich gilt: Sie können, aber sie müssen nicht.

Darauf baut die Werbung auf. Und das nennt Beck eine Entgleisung? Er sagt, es gehe darum, daß Schwule keine richtigen Männer seien. Unsinn, er hat wohl den Spot nicht kapiert. Das liegt daran, daß er den Slogan nicht von einem heterosexuellen Hintergrund erlebt. Und so hat Herr Beck, dessen politische Interessen laut seiner eigenen Homepage sich hauptsächlich um Homosexualität zu drehen scheinen, nicht besseres zu tun, als einen Brief an den CEO von Scholz&Friends zu schreiben.

Und was machen die Werber? Lachen die ihn aus? Nein, sie legen eine dicke Schleimspur, unterwürfigste Entschuldigung statt einer „Geht’s noch“-Kurzantwort. Und wieso? Das könnte damit zu tun haben, daß der Stuttgarter OB-Kandidat der CDU bei der nächsten Wahl, Sebastian Turner, der ehemalige Chef von Scholz&Friends ist. Also ist beides, Becks Vorwürfe und die Entschuldigung, nichts als Wahlkrampf?

Das finde ich nun wirklich gruselig.

Wie nennt man jetzt die zugehörige Phobie?

 

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