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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Samstag 6. April 2013

Ich bin nicht sehr krank, ich kann noch darüber reden.
William Shakespeare

 

Gesundmachen war gestern

AU-BescheinigungGrippewellen nerven – die Kollegen werden dahingerafft, die eigene Gesundheit wird auf die Probe gestellt. Wer sich mit Triefnase und röchelnd in die Arbeit schleppt, tut der Firma nur auf den ersten Blick etwas Gutes. Häufig ist der Respekt vor dem demonstrierten Leistungswillen geringer als die Angst vor Ansteckung. Jeder vernünftige Arbeitgeber wird daher erkennbar kranke Kollegen wieder nach Hause schicken. Auch dann, wenn die Personaldecke erschreckend dünn wird.

Blaumacher von Kranken zu unterscheiden ist ohnehin oft nicht schwer. Mancher wäre überrascht, wieviele Menschen nach längerer Krankheit mit Farbresten im Haar aus einer frisch renovierten Wohnung wieder zur Arbeit erscheinen oder braungebrannt und bestens gelaunt. Man sieht sehr wohl, dass es hier dem einen oder anderen durchaus möglich gewesen wäre, zumindest stundenweise zu arbeiten. Nicht jede Firma ist eine Schmiede oder ein Steinmetzbetrieb.

Dünnes Eis, klar. Auch medizinischen Laien ist klar, daß es bei einigen Krankheiten wichtig ist, einer ordentlichen Rekonvaleszenz ausreichend Zeit zu geben. Daher hatte eine Firma in Köln eine vermeintlich gute Idee: Als lebensmittelverarbeitender Betrieb gibt es dort sicher Bereiche, wo die geringste Kontamination mit ansteckenden Materialien zur sofortigen Krankschreibung führt. Daher richtete der Betrieb sogenannte „Schonarbeitsplätze“ ein. Das klingt so, als ob dort die Kriterien für die Krankschreibungen höher lägen. Und da spaltet sich die Berichterstattung. Der Betrieb, die Firma Satro aus Lippstadt, betont, man habe auf Anfragen aus der Belegschaft reagiert. Menschen, die arbeiten wollen und sich von ihrem Arzt lieber gesund machen lassen als krankschreiben. Damit die Ärzte in der Umgebung das auch wüssten, habe man sie mit einem Brief informiert.

Die Reaktionen waren ein erschütterndes Beispiel routinemäßiger künstlicher Aufregung. Wer hat behauptet, daß es Shitstorms nur im Internet gibt? Auf Pressetext.de verfehlt ein Rechtsanwalt leicht das Thema:

„Die Ärzte können dieses Schreiben ungelesen in den Papierkorb befördern. Dass, was das Unternehmen damit erreicht, ist nichts weiter als die eigene Imageschädigung“, so Martin W. Huff, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer Köln http://rak-koeln.de , auf Nachfrage von pressetext. Dem Juristen nach unterliegt der Arzt der Schweigepflicht. In der Folge sei der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber nicht verpflichtet mitzuteilen, ob er nur „ein bisschen“ krank ist oder nicht. „Der Arzt entscheidet das ganz alleine“, weiß Huff.

Huff unterstellt, der Brief habe die Ärzte genötigt, bei ihren Krankschreibungen besser zu differenzieren? Grotesk die Aufforderung, den Brief ungelesen wegzuwerfen. Jetzt wissen wir nicht, ob er den Brief überhaupt gelesen hat, über dessen Inhalt er er hier herzieht. Egal, es gab noch mehr Wortmeldungen:

Wer keinen Schonarbeitsplatz in Anspruch nehmen will, so Satro in einer Erklärung, braucht nichts zu befürchten. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe http://aekwl.de will der Erklärung des Unternehmens keinen Glauben schenken und sieht in der ungewöhnlichen Aktion einen Vertrauensbruch. Außerdem grenze diese an eine Manipulation. Firmen sollten nicht in das Hoheitsrecht der Mediziner eindringen. Laut dem Ärztekammer-Vertreter Heinz Ebbinghaus hält bei Managern die Vorstellung Einzug, dass man trotz Krankenschein noch arbeiten kann.

Verräterische Sprache. Hier will einer eine Hoheit sein und reklamiert für seinen Stand „Hoheitsrechte“, scheut es jedoch, klare Worte zu finden und spricht vom „Grenzen“. Entweder, es handelt sich um eine Manipulation, dann kann man sie so nennen. Oder es ist eben keine, sondern „grenzt“ daran. Es ist also keine. Worüber reden wir dann? Liest man weiter, kommt man zu der lustigen Aussage zu Krankenscheinen. Ein Arzt sollte wissen, was das ist. Aber hier tun wir Herrn Dr. Ebbinghaus vermutlich Unrecht, es hilft, in der Zeitung DerWesten zu recherchieren. Dort klingt die Sache besser und aus dem Krankenschein wird eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Die Hoheit und die Grenzerei scheinen jedoch echt zu sein:

Dr. Heinz Ebbinghaus von der Ärztekammer Westfalen-Lippe äußert sich sachlich zu dem Fall: „Die Empörung hat sich in den letzten Stunden ein wenig gelegt.“ Er empfindet die Aktion der 100-prozentigen Campina-Tochter allerdings als Vertrauensbruch: „Unterschwellig wird den Ärzten unterstellt, sie könnten einen arbeitsunfähigen Bürger nicht von einem arbeitsfähigen unterscheiden.“ Die Brief-Aktion grenze an Manipulation. Firmen sollten nicht ins Hoheitsrecht der Mediziner eindringen. „Wenn wir eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung unterschreiben, dann denken wir uns auch etwas dabei.“

Jetzt mal ehrlich: Das nehme ich ihm ab. Der Mediziner denkt sich was dabei. Aber vielleicht denkt er daran, wieviel er pro Krankenschein kriegt? Vielleicht auch daran, daß es ein offenes Geheimnis ist, welcher Mediziner „großzügig“ ist mit solchen Bescheinigungen? Nicht alle – dazu kenne ich genug Fälle aus meinem Bekanntenkreis. Aber einige – und da kenne ich genug Fälle aus eigener Anschauung. Wie oft schon wurde ich gefragt, ob ich krankgeschrieben werden will! „Ich könnte Sie eine Woche krankschreiben“ – wer hätte das noch nicht gehört? Meine Antwort war immer „Ich bin selbständig“, oder auch „machen Sie mich bitte lieber gesund, als mich krankzuschreiben“.

Ist das nun sehr neu? Keineswegs. 1984 spielte die IG Metall mit ihren Muskeln und bestreikte Betriebe in Hessen und Baden-Württemberg. In der Folge kam es zu Aussperrungen und Produktionsstillegungen, was die Streikkassen stark plünderte. Die Gewerkschaft wies ihre Mitglieder darauf hin, daß man trotz Streik oder Aussperrung Anspruch auf Lohn habe, wenn man während der Vorfälle krank sei. Daraufhin stellte die Betriebskrankenkasse der MAN in München einen heftigen Anstieg des Krankenstandes um rund 280 Prozent fest, nämlich von etwas über fünf auf satte 15,32 Prozent der Arbeitnehmer, und das innerhalb weniger Tage.

So viel also zur Zuverlässigkeit von Krankschreibungen. Oder, wie im am Ort des diesen Artikel auslösenden Geschehens, tief im Westen der Bundesrepublik, sagt:

Ja, is klar, nee!

 

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