SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Samstag 16. März 2013

Man muß seine Zeit zwischen Politik und mathematischen Gleichungen einteilen, doch die Gleichungen sind mir sehr viel wichtiger.
Albert Einstein

 

Waldorf und Statler

WaldorfKennen Sie Conrad Waldorf? Vermutlich dann und nur dann, wenn Statler neben ihm sitzt. Ich kenne niemanden, der diese Muppetsfigur nicht mag. Und doch … Irgendwann wird es langweilig. Der Waldorf in mir wird allmählich etwas müde. Klar, Einstein hat recht, wenn er sagt:

Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Aber will ich das? Will ich mir jeden Tag vor Augen führen, daß wir von unfähigen Egoisten regiert werden, daß die Bösen immer wieder siegen und die Guten nur zu faul sind, böse zu sein? Natürlich, als jemand, der immer wieder was in sein Blog schreiben will, sind solche Dinge perfekt. Und dennoch, siehe oben: Irgendwann wird es langweilig. Man wird müde. Eigentlich muss man nur alte Artikel rausziehen und geringfügig ändern. Daher beschließe ich hier und heute: Ich mache Schluß mit den Meckerartikeln und schreibe nur noch lustige Sachen, wenn sie mir denn einfallen. Oder ich schreibe Bildungsbeiträge.

Aber was, wenn ich platzen könnte? Wenn die Zellulose, auf die man die Zeitungen druckt, intelligenter ist als das, was man drauf druckt? Dann verstoße ich halt gegen die Regel und meckere wieder. Noch halte ich es durch. Themen hätte es genug gegeben:

Adoptionsrecht für Schwule

Was für eine uninformierte Diskussion. Es ging nicht drum, daß Schwule keine Kinder adoptieren dürfen. Das dürfen sie schon lange. Es ging drum, daß ein gleichgeschlechtlich Verheirateter (heute nennt man das noch „verpartnert“) nicht die Kinder seines Lebenspartners adoptieren kann wie in einer normalen Ehe. Und da sehe ich keine Argumente, die dagegen sprechen würden. Im Gegenteil, vom Erbrecht bis zur Klärung des Sorgerechts, falls ein Partner stirbt, ganz zu schweigen von der ganz normalen alltäglichen Vertretung gegenüber Schulen oder Ärzten: Wer das mit dem Kindeswohl ernst meint, für den ist das klar.

Schwulenehe generell

Ähnlich die anderen Fragen rund um die Schwulenehe. Es war wohl etwas ungeschickt, damit anzufangen. Entweder, man zieht sich auf die abendländische Tradition zurück und besteht auf „normale“ Familien, also Vater, Mutter, eventuell Kinder, und vielleicht eine oder mehrere Konkubinen. Kleiner Scherz, letztere gehören ja offiziell nicht dazu. Ebenso wie der möglicherweise existente Hausfreund der Mutter. In diesem Weltbild haben Homosexuelle keinen Platz, denn es geht um die klassische Beschreibung einer Familie. Das hat nichts mit Herabwürdigung, Verboten oder gar Verfolgung zu tun. Es ist eine rein kulturelle Frage.

Oder aber man will sich nicht so sehr in das Lebensmodell anderer Menschen einmischen und sucht eine Analogie zur Ehe. Der liberale Ansatz. Und man wird fündig, geboren ist die Lebenspartnerschaft. Lustigerweise freuen sich auch Grüne über so etwas, obwohl sie bei dem Wort liberal normalerweise die Messer zücken. Das ist vermutlich das Rosa-Listen-Erbe bei den Grünen, das nichts mit der Erhaltung unseres Planeten zu tun hat, und das merkt man auch daran, daß aus dieser Richtung niemand über andere Lebensentwürfe nachdenkt.

Wer hat denn gesagt, daß Monogamie die Norm ist? Es gibt Länder, in denen Männer mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet sein können und umgekehrt, während das bei uns nicht erlaubt ist. Oder, vielleicht spitzfindiger: Man darf mit mehreren Frauen verheiratet sein, aber man kann niemanden heiraten, wenn man schon verheiratet ist. Merkt man daran, daß es im BGB geregelt ist, nicht im StGB. Im Ernstfall bringt das aber auch nichts. Der verfassungsmäßige Schutz der Familie gilt nicht für Bigamisten. Vom Ehegattensplitting angefangen bis zur Witwenversorgung: Fehlanzeige. Wieso? Bevor mir meine Frau allmählich drohende Blicke zuwirft: Mir geht es um das Recht, daß jeder bestimmen kann, wie er lebt. Ich bin in meiner monogamen Ehe glücklich und würde das auch schreiben, wenn meine Frau mein Blog nicht lesen würde. Beschränkt man sich nicht mehr auf die klassische Familie, stellt sich sofort die Frage, ob hier nicht aus weltanschaulichen Gründen heftigst diskriminiert wird.

Also: Entweder Schutz der „altmodischen Bilderbuchfamilie“ mit allen möglichen Bevorzugungen oder Freiheit und Privilegien für alle Formen von Haushalten. Vielleicht fördert man einfach nur Haushalte mit Kindern und dazu beliebig vielen Eltern. Also „beliebig viel“ sollte heißen, vielleicht mindestens 1 – Pippi Langstrumpf weiß sich eh selbst zu helfen.

Vorstandsvergütungen

Aber unsere Gesellschaft mischt sich wahrlich nicht nur in Familienmodelle ein. Nehmen wir an, ich stelle einen Menschen ein in meiner Firma und gebe ihm ein Gehalt. Möglicherweise will ich genau diesen Menschen und der ist ein unverschämt hohes Gehalt gewöhnt und ich bezahle zähneknirschend. Was geht Sie das an? Nun, wenn ich nicht „ich“ bin, sondern eine unübersichtliche Kapitalgesellschaft und wenn unverschämt hoch heißt, daß ein mittelständischer Familienunternehmer mit einem gutgehenden Geschäft weniger verdient als ein angestellter Bankmanager, der gerade ein Rekordminus eingefahren hat, dann ist das nicht gerecht. Aber die Frage bleibt: Was geht mich das an?

Erst, wenn mit „Staatsknete“ eine Bank gerettet wird oder ein Produktionsstandort vor der Schließung bewahrt wird, dann wird die Angelegenheit zu „unserer Firma“. Vor diesem Hintergrund fällt es kaum noch auf, wenn aus vernünftigen Ansichten populistisches Geschwafel wird.

In der F.A.S. vom 24.2.2013 stand es, prominent auf Seite 1:

VW-Finanzvorstand Hans-Dieter Pötsch: Die Vergütung der Vorstände ist eine Frage der Leistung, aber auch der Akzeptanz in der Bevölkerung.

In der gleichen Zeitung steht, daß er letztes Jahr auf eine Million Euro Einkommen verzichtet hat. Stimmt da was mit seiner Leistung nicht? Kommt das nur mir irgendwie, nun ja, schleimig vor?

Das Thema paßt ebenso zu Jürgen Trittin, der gerne darüber schwadroniert, ob ein Vermögen gerechtfertigt sei. Er unterscheidet zwischen ererbt, gewonnen und erarbeitet. Meint der das oder hofft er auf Stimmen von Verlierern, die auf einmal glücklich erkennen, dass sich gegenüber Trittin ein Habenichts eben nicht rechtfertigen muß. Muß er sich vor mir übrigens auch nicht. Geht mich doch nichts an, wenn einer beispielsweise einen alternativen Lebensentwurf hat und mit wenig zufrieden ist. Letzteres findet sogar ausdrücklich mein Verständnis, nicht erst angesichts des ersten Papstes namens Franziskus. Das ändert sich allerdings dann, wenn ich diesen alternativen Lebensentwurf finanzieren soll.

Für Besitz muß sich niemand rechtfertigen, nur für seine Taten. Und so ist es gemeint, wenn in unserer Verfassung (Art. 14 Abs. 2 GG) steht „Eigentum verpflichtet“.

Mietpreisdeckelungen

Und wenn wir schon beim Thema Eigentum sind: Es ist ja auch sehr beliebt, angesichts steigender Mietpreise Krokodilstränen zu vergießen und über die blutsaugerischen Vermieter zu wettern. Am besten alle gleich enteignen. Oder zumindest teilenteignen, also zum Beispiel den Mietpreis zu deckeln. Das ist ungefähr so lauter wie die Einmischung in den Strommarkt und dann rumzuheulen, wenn die Energieerzeuger keine Kraftwerke mehr bauen wollen. Nicht anders verhält es sich mit den Wohnungen.

Es bringt nichts, die Preise zu deckeln. Es bringt nur etwas, genügend Wohnraum zu schaffen. Ist der Markt nicht mehr lukrativ, baut keiner mehr. Also muß einfach der sträflich vernachlässigte soziale Wohnungsbau wieder angekurbelt werden. Das gleiche gilt für die Gentrifizierung. Warum treten die Kommunen nicht selbst als Anbieter auf? Warum setzen sich die Bürger in den romantischen Stadtvierteln nicht zusammen und planen selbst, was zu tun ist? Wenn die Stadt vielleicht das eine oder andere Haus ankauft und damit dafür sorgt, dass die Mischung weiterhin stimmt – wo läge das Problem?

Es ist immer schwierig, sich gegen den freien Markt zu stellen. Die Devise muß heissen mit dem Wind segeln, aber dabei das Ruder nicht vergessen. Das Steuerruder natürlich. Das ist zehnmal besser als einen Sündenbock zu suchen und den Leuten Sand in die Augen zu streuen.

Studiengebühren

Die gesamte Diskussion um Studiengebühren war doch völlig übertrieben. Wenn Kosten von 500 Euro genügen, irgendwelchen Studienträumen ein Ende zu bescheren, dann ist das nicht wirklich glaubwürdig. Wer so denkt, der scheitert ohnehin. Mir gehen all diese Heulsusen auf die Nerven, die in diversen Medien vorgerechnet haben, was sie für Ausgaben haben und dass sie die 500 Euro quasi dem Hungertod auslieferten. So müsse man ja immerhin mit 800 Euro oder so allein für Miete rechnen. Dazu Bücher, Essen, Klamotten, da bliebe nichts übrig. Großes Kino. Diese Menschen mieten sich Wohnungen, für ein Budget, für das man früher auch inflationsbereinigt gut insgesamt durchkam. Also zuzüglich Essen, Bücher, Klamotten (wenn’s sein muss) – und zuzüglich Studiengebühren, bis sie damals abgeschafft wurden.

Umgekehrt empfinde ich es aber auch als Zumutung, wenn die Gegenseite argumentiert, ein Studienplatz koste soundsoviel und einfach die gesamten Kosten der Universitäten durch die Anzahl der Studenten teilt. Das ist entweder vorsätzliche Volksverdummung (der Versuch sollte bereits strafbar sein) oder Beweis eigener Blödheit (ebenfalls strafbar, hoffentlich irgendwann). Dabei ist es so einfach: Was ein Student wirklich kostet, berechnet sich durch seinen Fleiß und sein Fach. Ist er nie da, kostet er NICHTS. Ist er dauernd da und fleißig, kostet er viel. Ist er Naturwissenschaftler, kostet er tendenziell mehr als als Geisteswissenschaftler. Juristerei ist günstiger als Mediziner. Mathe kostet nichts. Damit gilt also: Ein fleissiger Teilchenphysiker kostet soviel wie tausende fauler Theologen.

Aber darum geht es nicht. In Bayern wurde uns gerade unter diesem Thema ein Lehrbuchstück in zynischem Populismus und Missbrauch demokratischer Entscheidungsfindungsmechanismen vorgeführt. Das Volk verlangt eine Volksabstimmung über die Abschaffung der Studiengebühren. Die Politiker sind gezwungen, diese Abstimmung durchzuführen. Das Quorum betrug 940.000 Unterschriften, also zehn Prozent der Wahlberechtigten. Darauf beschliessen die Politiker, der Volksabstimmung zuvorzukommen, indem sie die Studiengebühren einfach abschaffen. Aber was wollte das Volk eigentlich? Wir werden es nie erfahren, denn bei einem Volksbegehren kann man unbegreiflicherweise nicht gegen das Thema des Volksbegehrens stimmen. Somit wird also der Wille von zehn Prozent der Wahlberechtigten durchgesetzt? Nur, um dem Risiko zu entgehen, vom Volk überstimmt zu werden? Tolle Übung in Demokratie, vielen Dank.

Ich habe nichts gegen Studiengebühren, solange der Staat genug Geld für Bildung ausgibt, am besten in Pyramidenform: Lieber kleine Kinder fördern als damit zu warten. Erwachsenenbildung ist teurer und schwieriger.

Arbeitszimmerregelung

Es geht auch eine Nummer kleiner. Ich kenne viele Leute, die ihr Arbeitszimmer von der Steuer absetzen. Ich tue das nicht, denn mir wäre der Gedanke unerträglich, mit einem Finanzbeamten zu diskutieren, ob in meinem Arbeitszimmer Musikinstrumente stehen dürfen. Oder ein Kanapee, für die kleine schöpferische Pause zwischendurch. Ich gönne mir also den Luxus, dem Staat diese Steuern zu schenken.

Schaut man sich die Kriterien an, die an Arbeitszimmer gelegt werden, genauer an, kommt einem eine furchtbare Erkenntnis: Die Leute, die sich solche Normen ausdenken, sitzen also in Büros, die wir uns besser nicht vorstellen. Freudlose Büros – trägt man da noch Ärmelschoner? Das sind dann vermutlich dieselben Leute, die sich unter dem Wort Work-Live-Balance was vorstellen können.

Waldorf

Aber was tue ich denn hier? Wollte ich nicht aufhören zu meckern? Sehen wir es so:

Ich habe ja einfach nur aufgezählt, über was ich nichts mehr sage.

Bildschirmfoto 2013-03-16 um 16.57.01

 

2 Kommentare zu “Waldorf und Statler”

  1. Lesender Arbeiter sagt:

    Wen genau bezeichnen Sie im Absatz über Vorstandsvergütungen als Verlierer? Können Sie das bitte genauer ausführen?

  2. svb sagt:

    @Lesender Arbeiter: Leider war Ihre Emailadresse, die Sie angegeben haben, falsch, sonst hätte ich Ihnen das direkt erläutert. Die Antwort auf Ihre Frage steht ja bereits in meinem Artikel:

    Verlierer, die auf einmal glücklich erkennen, dass sich gegenüber Trittin ein Habenichts eben nicht rechtfertigen muß. Muß er sich vor mir übrigens auch nicht.

    Menschen ohne diese Charakterschwäche sind ergo nicht gemeint, wenn ich das drastische Wort „Verlierer“ wähle. Es gilt also „Verlierer impliziert Habenichts“, nicht umgekehrt.
    Dabei fällt mir auf, dass hier für Hardcore-Logikfreunde etwas geboten ist, denn aus „Habe etwas“ folgt hier nicht „kein Verlierer“. Es gilt also nicht die Klassische Logik, nur die intuitonistische, und man sieht unmittelbar auch, dass man nicht umbedingt etwas haben muss, um kein Habenichts zu sein. Aber das hat mit Ihrer Frage nichts mehr zu tun.

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