SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Montag 28. September 2009

Nomina sunt odiosa.
Marcus Tullius Cicero

 

Wer bin ich?

639px-Polyphemus_Eleusis_2630Namenslosigkeit wurde in der Kulturgeschichte der Menschheit nicht immer gleich betrachtet. Wer nicht mit offenem Visier kämpft und wer sich am Telephon mit „pronto!“ meldet wie die Italiener oder mit „Diga me!“ wie die Spanier, anstatt mit dem Nachnamen, wie es sich gehört, der hat Verständnis für Menschen, die ihren Namen lieber verschweigen. Die meisten Menschen bewundern die Schläue des Odysseus, der Polyphem auf die Frage, wer ihn besiegt habe, antwortet: „Niemand“. Schläue? In Deutschland sehen wir das traditionell anders.

Anonymität wird gleichgesetzt mit Feigheit. In der Großstadt benehmen sich die Leute schlechter als auf dem Land – und als Grund wird die Anonymität angeführt. Wer nicht weiß, wer ihn nötigt, behindert oder stört, kann seinen Widersacher nicht zur Rechenschaft ziehen. Auf unseren Straßen ginge es gesitteter zu, trüge jeder ein Namensschild anstelle eines Autokennzeichens sichtbar angebracht am Wagen.

Andererseits tun wir Deutschen angesichts der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts durchaus gut daran, der Anonymität auch etwas positives abzugewinnen. Die Aktivisten der Weißen Rose handelten durchaus nicht feige, als sie bei ihren Flugblattaktionen auf ein Impressum verzichteten. Feige handelte der Hausmeister, der ihre Anonymität aufhob, was letztlich zu ihrer Hinrichtung führte.

Für ein Recht auf Anonymität im Internet läßt sich ein weiteres Argument ins Feld führen, ohne gleich die Geschichte des Dritten Reichs oder die griechische Mythologie bemühen zu müssen: Es ist das oft ignorierte, meist unterschätzte und doch so wichtige Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Wer sich frei im Netz bewegen will, darf nicht auf Schritt und Tritt befürchten müssen, daß Informationen über ihn seiner Kontrolle entschwinden. Politische Einstellung und sexuelle Orientierung kann man im wirklichen Leben diskret behandeln. Man kann flüstern, man kann in eine Großstadt ziehen. Im Internet ist das etwas anderes, hier nehmen Informationen sehr verschlungene Wege und was man glaubt zu flüstern steht möglicherweise sofort am Schwarzen Brett. Weltweit und für immer. So ist der Wunsch, unter anderem Namen aufzutreten, doch nachvollziehbar.

Fast so alt wie das Netz sind daher Anonymisierungsdienste. Wer Artikel unter Pseudonym veröffentlichen will oder die Zirkel, in denen er sich bewegt, also seine Kontakte, disjunkt halten will, oder aber wer in Selbsthilfegruppen zu Themen mitarbeiten will, die man nicht leichtherzig freigibt, wer aus seinem privaten Leben ausbrechen will und als Kunstfigur in einem Rollenspiel die Sau rauslassen möchte oder wer durch die Einrichtung einer Wegwerf-E-Mailadresse einfach nur verhindern will, daß nach einer Annonce findige Zeitgenossen am Sonntagmorgen vor Tau und Tag  zum Telephonhörer greifen – alles gute Gründe für Anonymisierung.

Alles ein klares Plädoyer für ein Grundrecht auf Unerkanntheit. Solange es nämlich nicht mit  anderen Rechten, die ebenfalls zu schützen sind, kollidiert. Beleidigungen, Rufmord, Betrug und Verschwörung: für Mißbrauch gibt es Beispiele zuhauf. So kommt es also zu einer Abwägung, wie immer. Welches Recht ist uns wichtiger? Was läßt sich durchsetzen? Ganz klar, im Internet gilt dasselbe Recht wie im wirklichen Leben. Nur manches läßt sich schwerer durchsetzen.

Gegner des Internet führen dies gerne als Argument gegen das Internet an, und da fällt es wieder, das Unwort vom „rechtsfreien Raum Internet“. Was für ein Unsinn, solange wir nicht fordern, daß alle Menschen von früh bis spät Namensschilder tragen. Aber wir wollen ja das Innenministerium nicht

auf dumme Gedanken bringen…

Bildquelle: Wikipedia

 

Ein Kommentar zu “Wer bin ich?”

  1. agc sagt:

    Ein wichtiges Thema sprechen Sie an. Allerdings bin ich anderer Meinung: Eine offene, freie, also bürgerliche Gesellschaft kann es nur geben, wenn alle mit offenem Visir streiten. Daher bin ich gegen die Vermummung jeder Art, auch von Polizisten und Soldaten, und begegne dem Angebot der Bundesrepublik Deutschland an seine Bürger, als de-Mail auch unter einem Pseudonym elektronische Post versenden zu können, gelinde gesagt mit Unverständnis.

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