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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Donnerstag 11. November 2010

Niemand weiß, ob eine Nachricht von Bedeutung ist, bevor nicht 100 Jahre vergangen sind.
Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

Über den Verbleib allfälliger Sakralbauten im urbanen Kontext

Heute ist Sankt Martin. Heute ziehen bei anbrechender Dunkelheit die kleinen Kinder mit Laternen durch ihre Viertel und singen dazu. „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir“. Schon als kleinem Buben ist es mir merkwürdig vorgekommen, daß meine Laterne mit mir geht. „Entweder oder“, nicht „und“. Egal. Aber heute ist etwas anders als sonst: Will man den Medien Glauben schenken, so gibt es heute einen Schweigemarsch, weil die Kinder nicht singen dürfen, solange sie nicht Unsummen an die GEMA bezahlen.

So tönt es jedenfalls schon den ganzen Tag aus dem Radio, die Twitterati kramen Worte wie „infam“  aus und manche Blogartikel übertrumpfen sich gegenseitig in Angriffen auf die GEMA. Kollektive Erregung allerorten, kein Wunder bei dem Thema. Die armen Kinder! Nicht singen. Lautlos, gespenstisch, werden sie in Zweierreihen mit gesenktem Kopf hintereinanderhertrotten. Blühender Blödsinn, so etwas macht misstrauisch.

Zunächst einmal: Man darf, zumindest im Sinne von GEMA-Freiheit, singen, was man will. Die GEMA wäre zuständig, wenn Konserven gespielt würden. Es ist also genau umgekehrt: Wenn die Kinder nicht selber singen, sondern die Musik aus einem mitgeführten Lautsprecherwagen kommt, dann ist die Fälligkeit von GEMA-Gebühren zu prüfen.

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, daß der eine oder andere korrekter berichtet, daß es nicht um das Singen geht, sondern um das Kopieren von Notenblättern. Das ist aber nicht mehr die Zuständigkeit der GEMA. Die hier zuständige Organisation heißt VG Musikedition und ist damit verwandt mit der von mir durchaus als segensreich empfundenen VG Wort.

VG steht für Verwertungsgesellschaft. Sinn dieser Organisationen ist die Vereinfachung der Vergütung von Urhebern und Verlegern. Will man verhindern, daß Kultur nur noch ehrenamtlich stattfindet oder nur prekär finanziert wird, wie im achtzehnten Jahrhundert, muß man von vielen Konsumenten möglichst geringe Beträge einsammeln – die Menge machts – und dann möglichst gerecht an die Richtigen wieder ausschütten. Das Kopieren zu verbieten ist keine Alternative. Gleichzeitig wäre es nicht ökonomisch, für jede einzelne Kopie mit dem betroffenen Verlag individuell abzurechnen. So kam es zu den relativ pauschalen Modellen.

Ist das Leben für Verleger schon schwer, so ist es für Musikverleger traditionell richtig rauh. Noten ansprechend und spielbar zu setzen ist eine Kunst, die einem auch heute noch nicht wirklich von Laien mit geeigneter Software abgenommen werden kann. Entsprechend teuer sind Noten. Liederbücher sind schon etwas billiger in der Produktion, aber hier greift auch die Pauschalregelung: Photokopierte Noten müssen bezahlt werden, auch wenn die Lieder längst gemeinfrei sind. Die Alternative: Liedtext aus dem Internet laden (legal) und Noten abschreiben, von Hand oder mit Software. Das schaut nicht so gut aus wie das, was ein Profi macht, aber man kann damit arbeiten. Oder aber man kopiert doch, 500 Kopien kosten den Kindergarten 56 Euro, pauschale Editionsabgabe.

Mit 500 Kopien kommt man weit. Aber selbst hier gibt es noch Verdruß: Das sei viel zu viel Geld. Wer soll das bezahlen? Wiebitte? Der Kopierer wurde ja angeschafft und erzeugt, vorsichtig geschätzt, bei der niedrigen Kopienanzahl Kosten pro Kopie von 25 ct. Rund 11 ct. kommen für den hinzu, der sich die Arbeit mit dem Notensatz gemacht hat bzw. diesen ursprünglich finanziert, das ist ein Drittel. Und der Vorwurf, die GEMA solle in dem Fall die Gebühren einfach erlassen, ist kindisch. Die GEMA macht lediglich das Inkasso für die VG Musikedition. Sie kann das nicht erlassen, das müsste die VG. Die VG wiederum kann es auch nicht erlassen. Es ist weder das Geld der GEMA, noch der VG, und was einem nicht gehört, darf man auch nicht verschenken.

Bleibt die Frage, ob wir wirklich wollen, daß ein Kindergarten so etwas bezahlt. Nun, so hart es klingt, der Kindergarten kann auch nicht zum Bäcker marschieren und kostenlose Semmeln verlangen. Andauernd wird von den Eltern Geld eingesammelt, für überflüssige Nikolausgeschenke (die sollten die Kinder daheim bekommen und nirgendwo sonst), für irgendwelchen Bastelkram, für Ausflüge. Für manches werden auch Spenden eingesammelt – und genau so kann man es doch auch hier machen. Irgendein Vater hat vielleicht irgendeine Firma, die auf die Kopien für den Kindergarten ein bisserl Werbung drucken mag, und schon sind die 56 Euro wieder herinnen.

Was? Werbung? Auf Kopien für die Lieder für die Kinder? Na klar. Eiskalt. Die Kinder werden da unempfindlich sein. Ist denn wirklich noch niemand aufgefallen, daß Kindergartenkinder nicht lesen können? Die Kopien sind also für die Eltern(!). Viel Lärm um nichts.

Ich bin der Meinung, daß man einiges hier anders regeln könnte, manche Pauschalen auch einfach aus dem Steueraufkommen finanzieren könnte und daß manche Auswüchse unerwünscht sind. So spielt einer meiner Ärzte überall in der Praxis Musik, die aber immer wieder für ein paar Sekunden abbricht – so muß er keine GEMA-Gebühren zahlen. Und auf einem Photokopierer sind VG Wort-Abgaben, nicht jedoch auf einem Faxgerät. das ja heutzutage auch jederzeit zum Kopieren eingesetzt werden kann.

Aber das sind Details. Kultur muß irgendwie finanziert werden, und bei allen Pauschalen kommt es zu Merkwürdigkeiten. Die man ja einzeln auch beseitigen kann. Ansonsten sollten wir uns immer rechtzeitig Gedanken machen über den Verbleib allfälliger Sakralbauten im urbanen Kontext, oder auf Deutsch öfter mal

die Kirche im Dorf lassen.

Bildquelle: zzzebra, dort findet man u.a. Liedertexte zu Sankt Martin.

 

2 Kommentare zu “Über den Verbleib allfälliger Sakralbauten im urbanen Kontext”

  1. Tweets that mention SvB-Blog » Blogarchiv » Über den Verbleib allfälliger Sakralbauten im urbanen Kontext -- Topsy.com sagt:

    […] This post was mentioned on Twitter by Grundner-Culemann and Grundner-Culemann, Sebastian v. Bomhard. Sebastian v. Bomhard said: SvBBlog: Tagesaufreger GEMA? Oh mei, schluck, ich bin nicht Mainstream – http://tinyurl.com/22m6oab […]

  2. Barbara Ackermann sagt:

    Die wenigsten Kindergartenkinder können Noten lesen,die Eltern oft auch nicht.Am schnellsten lernen sie die Lieder durch zuhören und mitsingen. Das wäre ausnahmsweise mal eine sinnvolle Aufgabe für einen Elternabend.Dafür könnten dann jedes Jahr die gleichen Blätter verwendet werden.Wer gerne eine Kopie möchte, kann dafür etwas bezahlen und sie im nächsten Jahr weitergeben. Außerdem singen dann beim Umzug sowieso meistens die Eltern, die die Lieder aus eigener Erfahrung und stetem Gebrauch kennen

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