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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Montag 25. Juni 2012

Wagners Musik ziehe ich jeder anderen Musik vor. Sie ist so lärmend, daß man die ganze Zeit über sich laut unterhalten kann, ohne daß die anderen verstehen, was man sagt.
Oscar Wilde

 

Mythos #7: Alles, was von Komponisten geschaffen wird, muss geschützt werden

Der Begriff „Komponist“ ist sehr weit gespannt. Wovon leben klassische Komponisten? Urheberrecht hin oder her, die können von der Musik ohnehin nur leben, indem sie wohlbestallte Professoren an Musikhochschulen sind oder Virtuosen oder beides. Dann gibt es die modernen Komponisten, die man auch nicht direkt der Pop- oder Rockmusik zuordnen würde. Manche sind nur Spezialisten bekannt, dabei kennt jeder ihre Melodien. John Barry zum Beispiel, der am 30. Januar 2011 gestorben ist. Von ihm stammt das Thema zu „James Bond“, aber nicht nur das: Mehr als die Hälfte, nämlich zwölf der ersten 22 Bond-Filme nennen ihn bei den Komponisten der jeweiligen Titelmelodie. „A ViewTo A Kill“ zum Beispiel, gespielt von Duran Duran. „The Living Daylights“, aufgeführt von a-Ha. Ähnlich erfolgreich und vielleicht noch bekannter sind Filmkomponisten wie Ennio Morricone („Once Upon a Time in the West“ (Spiel mir das Lied vom Tod), „Once Upon A Time In America“), Vangelis Papathanassiou (Bladerunner, 1492 –  Conquest of Paradise), Henry Mancini (Breakfast at Tiffany’s, The Pink Panther), Harald Faltermayer (Beverley Hills Cop, Feuer und Eis), die Liste ist nicht vollständig. Alle hatten auch schon mal ein Stück, das es in die Charts geschafft hat, aber das beschreibt die Kraft ihrer Werke nur unvollständig – ein Großteil der Klassiker der letzten hundert Jahre stammt aus ihrer Feder, wobei das Werk meist bekannter ist als der Schöpfer.

Und, last but not least, die Rock- und Popkomponisten. Oft sind hier Interpret und Komponist identisch, aber keineswegs immer. Auch hier werden Klassiker geboren, denkt man allein an Paul McCartney, John Lennon, Mike Oldfield oder Roger Waters, aber generell entstehen hier Konsumgüter. Manche werden nach ein paar Jahren wiederentdeckt und neu eingespielt, als Coverversion. Dann verdient der Komponist erneut.

Im Gegensatz zu Interpreten profitieren Komponisten heute direkt von der GEMA. Bei jeder öffentlichen Aufführung seines Werks bekommt der Komponist einen Obulus. Wird das Werk häufig aufgeführt, lohnt sich das. Was lernen wir daraus? Einen Hit zu landen ist schön. Die Titelmusik eines Films zu schreiben, der ein Klassiker wird, ist sehr gut. Aber wer echt verdienen will, sollte eine Nationalhymne schreiben.

Eine Variante des Komponierens kommt ohne Noten aus: Sogenannte Mashups entstehen, indem man zwei oder mehr Musikstücke zusammenmischt. Das Ergebnis ist jedenfalls neu und oft reizvoll. Wer ist der Komponist? Im Wortsinn der, der die Stücke zusammenmischt, aber ohne die Komponisten der Originalwerke gäbe es auch das neue Werk nicht. Wie will man aber nun mit Komponisten wie Johannes Kreidler umgehen, der einen 33-Sekünder geschrieben hat mit 70.000 Zitaten aus anderen Stücken, nur um die GEMA vorzuführen? Ich finde sein Werk großartig, aber doch eher als Happening-Kunst, weniger aus musikalischen Gründen. Wobei ich ihm vermutlich nicht Unrecht tue, denn um das Schaffen eines musikalischen Werks ging es auch ihm bei dieser Aktion nicht, wie man nach dem von ihm produzierten Eintrag auf Youtube sieht.

Auffällig, daß heute die Interpreten gefühlt den absoluten Löwenanteil des Ruhms abbekommen. Früher waren das doch eher die Komponisten, was man daran erkennt, daß alle heute noch bekannten Virtuosen des neunzehnten Jahrhunderts eben auch als Komponisten in Erscheinung traten: Auch ohne Google kommt man schnell auf Liszt, Paganini, Chopin.

Wie geht nun eine gerechte Welt mit Komponisten um? Für mich verhält es sich mit Musikstücken wie mit Kindern. Man setzt sie in die Welt, hat ein Leben lang hoffentlich Freude daran, ihren weiteren Weg zu beobachten. Man sollte keine Kinder zeugen, um das Alter abzusichern, aber ihren Teil beitragen werden sie dann schon. Und wer besonders hübsche oder kluge Kinder hat, wird immer wieder erleben, daß ein anderer für sich in Anspruch nimmt, am Erfolg der Kinder einen großen oder gar den größten Anteil zu haben. Dagegen muss man vorgehen dürfen, solange es nicht der Wahrheit entspricht. Und wenn jemand mit ihnen Geld verdient – und wir verlassen plötzlich die Kinderanalogie – dann gehört den Urhebern ein gerechter Anteil davon.

Wer das so sieht, kommt an Verwertungsgesellschaften nicht vorbei, denn alles andere ist noch komplizierter. Dann darf jeder alles nachspielen, jede Melodie pfeifen, summen oder trommeln, bis er Geld damit verdient. Von verdientem Geld den gerechten Anteil zu ermitteln ist schwierig, aber vielleicht eine Aufgabe für eine neutral besetzte Kommission. Es versteht sich von selbst, daß man es den Tributpflichtigen möglichst einfach machen muss, die Abgabe zu entrichten, und wieder wäre das Internet nicht die Bedrohung, sondern die Lösung.

Auf jeden Fall sind wir gut beraten, wenn wir bei Komponisten ausschließlich die Aufführungshäufigkeit und die erreichte Anzahl Zuhörer heranzögen. Weitere Komponenten wie Schöpfungstiefe oder gar Qualität führen nur in Probleme. Wer einen Beweis sehen will, dem sei die Band Axis of Awesome aus Australien empfohlen. Sie haben schon vor längerem demonstriert, was man mit vier Akkorden machen kann – nämlich gefühlt alles, was in den letzten dreissig Jahren erfolgreich war. Die derzeit neueste Version ist hier. Übungsaufgabe für den Leser: Wieviel GEMA ist denn nun fällig?

Und an wen?

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Was bisher geschah:

Einleitung
Mythos #1: Geistiges Eigentum gibt es nicht
Mythos #2: Künstler haben es schwerer als früher
Mythos #3: Ohne das Internet ginge es den Künstlern besser
Mythos #4: Das Urheberrecht muß überarbeitet werden, weil sich durch das Internet alles geändert hat
Mythos #5: Das Urheberrecht sorgt dafür, daß alle Kreativen gleich fair behandelt werden
Mythos #6: Ohne Verwertungsrechte sähe die Musik heute ärmer aus

 

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