SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Donnerstag 26. Juni 2008

Eine Kleinigkeit, einverstanden, aber an solchen Kleinigkeiten geht die Welt zugrunde.
Anton Pawlowitsch Tschechow

 

Das Beta

SZSchon erstaunlich, welche Emotionen ein einfacher, unschuldiger Buchstabe auslösen kann. Das sogenannte „scharfe s“ hat einen großen Bruder bekommen. Siehe Welt online:

Jetzt beginnt die GROSSE Zukunft für das große ß

Wer immer mit Spaß, Preußen, Fußpflege oder Grußkarten zu tun hat, kann sich freuen. Die deutsche Sprache bekommt einen neuen Buchstaben. Denn das ß gab es bisher nicht als Großbuchstaben. Jetzt ist die internationale Normierung fertig – und die Computerhersteller können ihre Tastaturen ändern.

Das abgebildete scharfe S ist natürlich nicht das neueste. Und in der Zeit, als dieses Zeichen entstand, hätte sicher niemand vermutet, dass es das mal als Majuskel geben würde. Wozu auch? Kein Wort, nicht nur kein deutsches Wort, fängt mit „ß“ an. Aber das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin und auch die Internationale Organisation für Normung (ISO) waren vielleicht etwas unterbeschäftigt, und so haben ist nun diese schmerzliche Lücke in unserem Buchstabenvorrat geschlossen.

Früher war als Bezeichnung für diesen Buchstaben am verbreitetsten der Name „Es-Zet“. Sieht man alte Versionen des Buchstabens an, wie in der obenstehenden Abbildung, so erkennt man, dass es strenggenommen nicht ein Zeichen, sondern eine Ligatur aus „s“ und „z“ ist. Nachdem man Masse und Maße nicht verwechseln wollte, aber auch einen Unterschied zu den Masern haben wollte, brauchte man diesen Buchstaben. Das „ss“ verkürzt den davorstehenden Vokal, das alleinstehende „s“ wird stimmhaft ausgesprochen (wobei uns das in Bayern egal ist, wir ßäußeln nicht). So kam es zum SZ. Die Verschmelzung zweier Buchstaben, die sogenannte Ligatur, stellt nun diesen Buchstaben dar, und in der Welt des World Wide Web, genaugenommen in HTML, nennt sich das Zeichen ß – das steht für sz-Ligatur. Und auch wenn eine Ligatur streng genommen kein Buchstabe ist, das „ß“ ist einer geworden, auch wenn darüber immer noch gestritten wird.

Streit um diesen Buchstaben gibt es aber bereits etwa, seit es den Buchstaben gibt. Lassen wir die gotischen Anfänge weg – im 19. Jahrhundert mußte man sich entscheiden, zwischen der sogenannten Adelung-Notation und der Heyse-Notation. Heyse wurde 1901 abgeschafft und 1996 im großen und ganzen wieder eingeführt. Der Unterschied zwischen beiden Notationen wird am einfachsten klar, wenn man die Konvertierungsregeln in Wikipedia nachschlägt:

Konvertierung zwischen Heysescher und Adelungscher s-Schreibung

  • Ein Text in Adelungscher s-Schreibung kann in Heyse’sche s-Schreibung konvertiert werden, indem alle „ß“ nach kurzen Vokalen durch „ss“ ersetzt werden.
  • Ein Text in Heyse’scher s-Schreibung kann in Adelungsche s-Schreibung konvertiert werden, indem alle „ss“ am Wortende, vor einer Wortfuge oder vor einem Konsonanten durch „ß“ ersetzt werden.

Die Hauptkritik an der alten und nun wieder ganz neuen Schreibweise ist die verminderte Lesbarkeit. Die Baßsaite (Basssaite?), das bißchen (bisschen?), der Eßsaal (Esssaal? Scheußlich – scheusslich – scheuszlich!). Aber Lesbarkeit bzw. ein Mangel an selbiger hat die Rechtschreibreformer noch nie abgehalten, auch bereits vor der Zeit, als der Staat sich einbildete, diese Zuständigkeit an sich reißen zu müssen.

Eine Sache harrt noch der Klärung: Wieso eigentlich „Ligatur aus s und z“? Sieht der erste Buchstabe nicht viel mehr wie ein ſ aus? Und ja, das ist natürlich ein Buchſtabe, der einem früher das Leſen erheblich vereinfacht hat. Heute kann man den Unterſchied zwiſchen Kreischen und Kreiſchen nicht mehr erkennen, der Kontext wird benötigt. Aber das iſt ein anderes Thema – der Duden hat 1915 dieſem Zeichen den Garaus gemacht, zumindeſt innerhalb der lateiniſchen Schriften. Heute geſtaltet ſich bereits die Suche nach einem Font ſchwierig, der das ſogenannte „lange s“ darſtellt. Ganz zu schweigen davon, daß nun die notwendige Ligatur ſ + t fehlt.

Aber zurück ins 21. Jahrhundert. Wieso muß man kryptisch „ß“ schreiben – wieso nicht einfach „ß“ in Webseiten verwenden? Aber man kann ja, heute geht das. Nur aus Sicht der Internetpioniere gibt es diesen Buchstaben nicht wirklich. Zuverlässig sind alle Buchstaben, die auf den ersten 128 Positionen des ASCII-Codes definiert sind, des „American Standard Code for Information Inter­change“. Diese Buchstaben kann man also in 7 Bit verschlüsseln. Wieso nur 7, wo doch ein Byte acht Bit hat? Das achte Bit, genannt „parity“, wurde benötigt, um die Datenübertragung zuverlässiger zu machen. Stimmte das Parity-Bit nicht mit dem übertragenen Byte überein (Quersummenmethode), war bei der Übertragung etwas schiefgegangen, das Byte wurde nochmal übertragen.

So ist das heute natürlich längst nicht mehr. Schon vor 25 Jahren gab es elegantere Methoden, Daten bei der Übertragung auf Korrektheit zu überprüfen. Das achte Bit war frei und damit gab es weitere 128 mögliche Zeichen. Und der Streit begann. Was legt man da hin? ANSI? ISO 8859.1? Wobei „ANSI“ eigentlich ein Marketingtrick war, das „American National Standards Institute“ war zwar Namens­geber, aber das Institut sah seine Aufgabe nur darin, den Grundstock für ISO 8859 zu legen, es gibt schlicht keine Norm namens „ANSI“. Es war mal wieder, wer hätte es gedacht, einem Komplott der Marktmächte zu verdanken, wie diese Zeichen belegt wurden: Microsoft und IBM legten einfach fest, was sich hinter diesen Codes verbergen sollte. Und so kam das „ß“ in die Computerwelt, und zwar an ganz anderer Stelle zunächst als beispielsweise in Druckern oder eben auch in bereits anerkannten Normen. Einer der Gründe, wieso ein Drucker nicht einfach druckt, sondern dazu getrieben werden muß. Heute sind es erheblich mehr Zeichen. Chinesen, Inder und Cherokesen fordern ihr Recht, nicht acht, sondern 16 Bit bieten unerschöpfliche Kombinationen. Unicode Transformation Format heißt das Zauberwort, UTF, nicht zu verwechseln mit Christiane F., das ist die vom Bahnhof Zoo.

Aber niemand kann alle Buchstaben brauchen, die es gibt, und so hat zunächst nicht einmal das „ß“ den Weg in die Welt der DFÜ (Daten-Fern-Übertragung) und der Computertastaturen gefunden. Das deutsche Tastaturlayout hält den Buchstaben natürlich vor, zusammen mit den anderen deutschen Spezialiäten, den Umlauten, aber dies zu Lasten so wichtiger Zeichen wie [, { oder \, ohne die das Leben am Computer keinen Spaß macht. Deshalb hatten die ersten Netzbürger in Deutschland lieber keine Umlaute als auf diese Zeichen zu verzichten, zumal die sogenannten 8-bittigen Zeichen eh nicht richtig per Mail übertragen wurden. Ä wurde Ae, ö oe, ü ue und ganz allgemein ß ss. SS? Wieso nicht „SZ“? Was vielleicht weniger bekannt ist, „ß“ durfte bis 1996 auch „sz“ kodiert werden, wenn die Schrift das Zeichen nicht vorhielt. Erst mit dieser unseligen Rächtschraibrephorm 1996 wurde diese Kodierung abgeschafft. Üblich war sie nur noch in Österreich, vornehmlich an „MASZSCHNEIDEREIEN“, die wirklich lesbarer sind als „MASSSSSSSCHNEIDEREIEN“.

Aber ist das nicht schrecklich ungebildet, die arme Ligatur zu ignorieren? Auch wieder nicht. Denn schon wieder streiten die Experten, es gibt eine nicht geringe Zahl von Menschen, die hinter „ß“ eine „SS“-Ligatur erkennen. Deutlich wird das beim Vergleich unterschiedlicher Fonts. Voila:

Scharfes ß

In Brush Script MT ist das „z“ eindeutig zu erkennen, aber in Palatino ist das ß eindeutig kein sz, sondern wirklich ein ss!

Recht hat also keiner. Oder jeder. Und wenn nun das GROSZE ß eingeführt wird und wir alle eine neue Fingerbruchkombination auf den Tastaturen lernen müssen, wie damals, als der Euro noch brandneu war, dann hat das auch ein Gutes: Das ß wird wieder aufgewertet, nachdem es doch gerade eben in der Reform fast ausgerottet war.

Das ß darf nicht sterben! Auch wenn sich die störrischen Schweizer generell für die Abschaffung einsetzen und dies im eigenen Land bereits rigoros durchgeführt haben, auch wenn – Gottfried Stutz! – sie diesen Buchstaben verächtlich „Rucksack-S“ nennen oder typographisch frevelhaft „Beta“ – dieser Buchstabe ist ein Stück Heimat, Besonderheit, Identifikation, Treffpunkt aller deutschsprachigen Menschen auf der ganzen Welt. So:


Finger weg, verruchte Helvetier!

 

Weiterführende Literatur: Das Typeforum. Es gibt tatsächlich ein Portal für Schrift…

 

4 Kommentare zu “Das Beta”

  1. artivity sagt:

    Übrigens erschien 2008 im Eichborn-Verlag zu dem Thema ein Buch von einem Herrn Müller, „ß. Ein Buchstabe wird vermisst“ (Sinnige Klappentexteinleitung: Kann man ein Buch über einen einzelnen Buchstaben schreiben? Man muss!). Da der Autor, ein Realschullehrer, mit dem Büchlein wegen Plagiatsvorwürfen in Verruf geriet, wurde es vom Verlag bereits wieder vom Markt genommen. Das am Rande.

    Bemerkenswerter in dem Zusammenhang ist die DB-Verwaltung bei Amazon, die dem Buch folgende Kategorie zuwies:
    Bücher > Fachbücher > Geschichtswissenschaft > Neuzeit > Nationalsozialismus > SS

    Wers nicht glaubt, schaut nach. Das allein ist schon ein Grund, dem versalen ß endlich seinen verdienten Platz in unserer Rechtschreibung zu verschaffen.

  2. mik sagt:

    wenn es einen guten grund für das „ß“ oder „sz“ gibt, dann doch wohl die eszet-schnitte, denen wir in unserer kindheit ja nicht nur verschmierte mäuler zu verdanken hatten. wer auf dem pausenbrot eine eszet-schnitte hatte, zog die aufmerksamkeit aller mädchen auf sich und hatte gegenüber den jungs immer den besten tauschwert im tornister. deshalb sollten wir uns schon im gedenken an die konditormeister ernst stängl und karl ziller, die gründer von eszet, für die beibehaltung des „sz/ß“ einsetzen, vielleicht gar für die korrekte schreibweise „ß-schnitte“ beim heutigen rezeptureigner stollwerk agitieren.

  3. Pia Preje sagt:

    Nette Idee, man entdeckt sicherlich so einige Schmuckstücke in der weiten Welt der Blogs

  4. Liga Tour sagt:

    Keineswegs ist es eine Ligatur von s und z.
    Sondern von Mittel-s und Schluss-s.
    In Holland nennt man es manchmal auch Ringel-s.

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