SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Sonntag 21. Dezember 2008

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Beweisen, daß es nicht schwer ist, eine Wahrheit umzubringen. Eine gute Lüge ist unsterblich.
Gottfried August Bürger

 

Kirschen essen

Die Erfindung des Automobils hatte bei allen Nachteilen auch einen Vorteil: zumindest ist die Zahl der Pferdediebstähle stark zurückgegangen. Trotzdem: Schön, wenn man jemanden kennt, mit dem man Pferde stehlen kann. Wenn man dann jemandem die Pferde gestohlen hat, dann ist vermutlich nicht mehr mit ihm gut Kirschen essen.

Woher das mit dem „Pferde stehlen“ kommt, ist wohl klar: Pferdediebstahl wurde früher hart, oft mit dem Tod, bestraft. Daher ist jemand, mit dem man Pferde stehlen kann, jedenfalls hundert­prozentig zu­ver­lässig. Viel­leicht sagt man eines Tages „mit dem kann man Steuern hinter­ziehen“, wenn die Strafen für Steuer­hinter­ziehung weiter ver­schärft werden.

Aber woher kommt das mit dem Kirschen essen? Jetzt wird es schwierig. Wer Wasser getrunken hat, darf einem alten Sprich­wort zufolge keine Kirschen essen, oder um­ge­kehrt. Kinder wissen das, sie kennen die fatalen Folgen, zu­min­dest beim Ball­spielen

Kirschen gegessen

Wasser getrunken

Bauchweh gekriegt

Ins Krankenhaus gekommen

Gestorben

Begraben

Was ist da eigentlich dran? Kirschen haben in der Schale auffällig viele Hefekeime. Von diesen bekommt man Magen­zwicken. Das wird durch die Magen­säure ver­hin­dert. Wenn man diese aber nun mit Wasser ver­dünnt, kann man wirklich Bauch­weh bekommen. Wenn man viele Kirschen ge­gessen hat. Sehr viele. Jeden­falls platzt man nicht, wenn man Wasser trinkt. Und ich habe das geglaubt… Wir müssen als Kinder recht ver­trauens­selig gewesen sein. Und mit dem „gut Kirschen essen“ hat das alles nichts zu tun.

Kommt es vielleicht von gemeinsam erlebten Laus­buben­aben­teuern? Ge­mein­sam sich im Kirsch­baum verstecken und mit jemandem Kirschen essen? So wie eine Vor­form des Pferde­stehlens? Das haut nicht hin, denn es heißt ja nicht gut Kirschen essen. Positiv gibt es das gar nicht. Da muß man vielleicht doch ein bißchen in früheren Jahr­hunderten graben gehen. Vor Zeiten gab es ein häufig zitiertes Sprich­wort. „Mit hohen Herren ist nicht gut Kirschen essen, sie werfen Dir die Steine ins Gesicht“. Kirsch­bäume waren selten und exotisch. Nur die Ober­schicht konnte überhaupt Kirschen essen. Und für feines Be­nehmen gegenüber den niederen Schichten gab es im Mittel­alter keine Garantie. Wer also schon Kirschen mit jemand aß, aber nicht dazu­ge­hörte, der mußte sich hüten, daß ihm der Klassen­unter­schied nicht drastisch vor Augen geführt wurde. 

Gottfried August Bürger (1747-1794) kannte das alte Sprichwort auch noch, und dichtete in „Der Raubgraf„:

Für meinen Part, mit großen Herrn,

Und Meister Urian,

Äß‘ ich wohl keine Kirschen gern.

Man läuft verdammt oft an.

Sie werfen einem, wie man spricht,

Gern Stiel und Stein ins Angesicht.

Na toll. Das wäre geklärt, aber schon gibt es neue Rätsel: Wer ist Meister Urian? Das kriegen wir raus, das ginge ja

mit dem Teufel zu!

Weitere Erläuterungen folgen…

 

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