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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Dienstag 23. Dezember 2008

Aller Mehrwert - wie er sich auch verteile, als Gewinn des Kapitalisten, Grundrente, Steuer usw. - ist unbezahlte Arbeit.
Friedrich Engels

 

Mehr Wert

Die Briten sind der Vorreiter – sie haben die Mehr­wert­steuer gesenkt, um schnell den Leuten mehr Geld in die Hand zu geben. Bei uns ist alles anders. Wir diskutieren noch. Kein Wunder, für Geld­ge­schenke ist kein An­laß, es wird ja nicht mehr gewählt in nächster Zeit. Nun, bei den Briten waren es auch nur lustige 2,5%. Ob das was ausmacht? 

Unser Mehrwertsteuersystem ist noch nicht sehr alt. Ich bin älter. Unser System wurde zum 1.1.1968 ein­ge­führt, da das alte System un­er­wünschte Aus­wir­kungen hatte. Die Schweiz ließ sich gar bis 1995 Zeit, Öster­reich war immerhin 1973 so weit. Was gab es vorher?

Bereits in Rom unter Kaiser Augustus gab es eine vergleichbare Steuer: Von allen (Waren-)Umsätzen, die getätigt wurden, mußte ein Prozent an den Kaiser abgeführt werden. Das war in den folgenden Jahr­hun­der­ten mal mehr, mal weniger, und geriet auch mal hunderte Jahre in Ver­ges­sen­heit. 1916, als die deutsche Staats­kasse wegen der kost­spieligen Kriegs­hand­lungen eine ge­fähr­liche Leere aufwies, holte der Kaiser dieses In­stru­ment wieder hervor. Mit dem Waren­umsatz­stempel­gesetz wurde am 26. Juni 1916 die Um­satz­steuer wieder bei uns ein­ge­führt. Harm­los war sie. Gerade mal 0,1% von allen Ent­gelten für Waren­lieferungen waren ab­zu­geben. Das ist im Ver­gleich zu heute so wenig, daß das Bundes­finanz­mini­sterium hier lieber von 0,5% spricht:

Der ursprüngliche Steuersatz von 0,5 Prozent stieg nach wiederholten Änderungen 1935 auf 2 Prozent, 1946 auf 3 Prozent und 1951 auf 4 Prozent an.

(Quelle: Bundesfinanzministerium). Die 0,5 kamen aber erst Mitte 1918, als auch die Leistungen der Selb­stän­digen mit ein­be­zogen wurden. Am 24.12.1919 kamen die Frei­berufler hinzu, und der Steuer­satz wurde auf 1,5% erhöht. Nach einem alten Gesetz werden Steuern, wenn sich ihr Ein­führungs­grund erledigt hat, nicht einfach wieder ab­ge­schafft. Im Gegen­teil, einmal in der Welt steigt beinahe jede Steuer un­auf­halt­sam weiter. Nach dem Krieg waren es also 4 Prozent. Hört sich himmlisch an, hatte aber einen Haken: Es gab noch keinen Vor­steuer­abzug. Je kürzer die Glieder der Wert­schöpfungs­kette, desto höher die Kosten des End­produkts. Dies ver­hinderte einer­seits die Speziali­sierung, ein Weg, auf dem Deutsch­land so er­folg­reich war, und be­günstigte an­derer­seits die Ent­stehung riesiger Konzerne, die idealer­weise sogar ihre Roh­stoffe selbst pro­du­zierten und somit ihre Pro­dukte nur einmal mit vier Prozent be­lasten mußten, nämlich beim Ver­kauf des fertigen Pro­dukts.

Das war politisch nicht gewünscht und volks­wirt­schaft­lich auch recht be­denk­lich. Dennoch kam es zum großen Lamento, als das neue Steuer­system ein­ge­führt wurde. „Wieso müssen Unter­nehmen diese Steuern nicht zahlen und einfache Bürger schon?“ hieß es. Waren die Leute damals wirklich so naiv? Es gibt nichts, was Unter­nehmer be­zahlen müssen, was nicht letzt­lich an die Kon­sumenten weiter­ge­reicht würde. Wieso? Unter­nehmen kalkulieren ihre Preise:

Verkaufserlös – Kosten = Gewinn.

Generell wird ein Unter­nehmen niemals etwas länger an­bieten, bei dem diese Formel ein nega­tives Er­geb­nis liefert, also einen Ver­lust. Im einen oder anderen Fall handelt sich ein Unter­nehmer sogar richtig Ärger ein, wenn er dies tut. (Quer­sub­ventio­nierung? Preis­dumping? Beides un­er­laubter Wett­bewerb. Oder Ver­letzung der Treue­pflicht gegen­über den Eigen­tümern? Mög­licher­weise Schadens­ersatz­grund?)  Wobei die Formel korrekter­weise heißen muß

Verkaufserlös + Subventionen – Kosten = Gewinn.

Aber das ändert nichts am Ergebnis. So gesehen führte die neue Steuer für die Bürger in großen Teilen zunächst sicher zu einer Ersparnis. Aber man hörte auch, die Regelung sei nicht sozial, da sie Reiche und Arme gleich belaste. Das war ja schon wieder falsch. Arme bezahlen sehr wenig Mehr­wert­steuer. Der Löwen­anteil der Aus­gaben einer armen Familie entfällt auf Miete (mehr­wert­steuer­frei) und Lebens­mittel (er­mäßigte Steuer, bei Einführung nur 5 Prozent). Nur Konsum­güter unter­liegen im Waren­korb einer Familie der regulären Steuer, also Auto, Kleidung, Schmuck, Urlaubs­reisen, aber auch aus­wärts Essen an­statt daheim Kochen. Und je mehr einer verdient, desto mehr gibt er ja für Konsum aus. Und genau das macht diese Steuer so inter­essant in der aktuellen Dis­kussion – sie ist direkt mit dem Konsum verknüpft. Der­artige Gesetz­mäßig­keiten sind derzeit

äußerst spannend.

Fortsetzung folgt

 

2 Kommentare zu “Mehr Wert”

  1. SvB-Blog » Blogarchiv » Frohes Fest sagt:

    […] Mehr Wert […]

  2. SvB-Blog » Blogarchiv » Noch mehr Wert sagt:

    […] Mehr Wert […]

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