SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Freitag 5. März 2010

Der Evangele besser nichts mehr trinkt, weil man ihm sonst den Lappen nimmt
Michael Lerchenberg als Bruder Barnabas

 

Humor und Kultur

Eine der schönsten Traditionen in Bayern ist die alljährlich wiederkehrende sogenannte „Predigt“ des Bruder Barnabas auf dem Nockherberg anläßlich des Starkbieranstichs. Das Starkbier soll uns die Fastenzeit erleichtern, und daß das auch noch schmeckt, das haben wir dem Bruder Barnabas zu verdanken. Dem Original. Dieser hat vor 230 Jahren angeblich als Braumeister dem bereits bekannten Starkbier auch noch seinen guten Geschmack besorgt. Die erste Maß auf dem ersten offiziellen Anstich hat der Kurfürst Karl-Theodor bekommen. In dieser Tradition bekam beim diesjährigen Anstich die erste Maß der Ministerpräsident, Herr Seehofer.

Politikerprivilegien gibt es nicht umsonst. Seit langem schon ist es gute Tradition, daß die Politiker in Scharen zum Nockherberg ziehen, um sich beim Anstich „dablecken“ zu lassen. Für Nordlichter: Dablecken = Frozzeln, ausrichten, drüber herziehen, hochnehmen. Eigentlich schreibt man das ja „derblecken“, aber der Norddeutsche könnte „derb lecken“ lesen und das wäre ein Missverständnis.

Zurück zu den Politikern: Wer von denen zum Nockherberg nicht eingeladen wird, für den schaut es trüb aus. Alteisen. Jedes Jahr dasselbe Bild, hey, tuschel tuschel, der Soundso ist ja gar ned do, tuschel tuschel, den ham’s am End entmachtet, mei, dem sei Rede zum Aschermittwoch war ja scho so schlecht, tuschel tuschel. Und dasselbe Ritual um die Rede des Kabarettisten, der die Rolle des Bruder Barnabas übernommen hat und nun den Politikern die Leviten lesen soll, aber eben lustig. Was diese Rede sehr oft nicht ist. Oder nicht ganz. Oder an den falschen Stellen. Oder nur für einen Teil der Leute lustig. Das ist vermutlich das häufigste Ereignis. Während der derbleckte Politiker noch darüber nachdenkt, ob seine Leibwächter den Kabarettisten vielleicht verhauen könnten, lacht der ganze Saal und die Kameras richten sich auf den Politiker. Der darauf tapfer schallend zu lachen anfängt oder sich auf die Schenkel haut, aber innerlich sicher zitternd vor Wut. Bis der nächste dran ist. Schlimmer wäre höchstens, in der Rede nicht vorzukommen.

So weit, so gut. Dieses Jahr sei die Rede mal wieder grenzwertig gewesen. Nicht, dass sie das nicht jedes Jahr wäre, sonst ist sie langweilig und schlecht,  aber vielleicht war sie dieses Jahr grenzwertiger (aua) als sonst. Hier ist die Rede komplett abgedruckt in der Abendzeitung, aber man kann sich die Rede auch im Fernsehen beim BR anschauen.

Die ersten zwanzig Minuten sind durchaus lustig. Genauer die ersten neunzehn, aber dann misrieten ein paar die Pointen. Manch einem war die ganze Rede nicht hinterfotzig genug (= subtil). Ja, mei, ein paar Sachen waren nicht wirklich lustig, schon. Auch im Saal schwand das gelegentlich das Lachen und machte betretenem Schweigen Platz. Eine Passage aber gab es, etwa nach 20 Minuten, die zu einem kollektiven Aufstöhnen geführt hat, im Saal und etwas zeitversetzt im ganzen Land. Für Lerchenberg war es das letzte Jahr als Barnabas, er hat seinen Rücktritt schon erklärt. Vermutlich denkt er immer noch vergeblich drüber nach, was er wirklich falsch gemacht hat. Und irgendwie verstehe ich ihn. Hier die Passage:

Zehn Jahre will er regieren, der Herr Westerwelle, wenn Ihr alle miteinander so weitermachts
mit Eurem Saustall g’langt’s net amal für 365 Tag. Und darum dreht er jetzt durch, der Herr Guido,
und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne: Alle Hartz IV-Empfänger sammelt er in den
leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht.
Haben wir schon mal gehabt. Und dann gibt’s jeden Tag a Wassersuppn und einen Kanten Brot.
Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang steht,
bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd, in eisernen Lettern: „Leistung muss sich wieder lohnen.

Das ist nach meinem Dafürhalten durchaus auch lustig. Die verblühten Landschaften sind wunderbar, aber die haben ja auch keinen gestört. Kniffliger ist die Stelle, wo man erkennt, daß offensichtlich etwas, das mit Stacheldraht eingezäunt ist und von Menschen in gleichfarbigen Hemden bewacht wird und über deren Eingangstor etwas in eisernen Lettern steht, sofort als etwas erkannt wird, über das man keine Witze macht: Ein KZ! Ist nicht lustig! Hat aber auch niemand behauptet. Aber es handelt sich doch hier nicht um Kabarett, sondern um ein ganz anderes Genre: Das der Narrenrede. Nicht die manchmal arg läppischen Büttenreden in der „närrischen Zeit“ weit nordwestlich von München, nein, die Rede, die der Hofnarr hält, dem der König zuhört, weil er immer wieder dabei lachen kann. Aber dazwischen sind dann diese Stellen. Für die der König gelegentlich einen Narren hinrichten läßt, trotz der Narrenfreiheit. Solche Stellen wie hier. Nicht lustig, sogar richtig ernst. Und der Ernst ist angebracht: Wer mit Worten wie „Sozialschmarotzer“ oder „Asoziale“ um sich wirft, der muß auch konsequenterweise das Wort „Volksschädling“ verwenden und vom Ausmerzen reden. Von der Schneeschaufelpflicht für Sozialhilfeempfänger zum Arbeitslager kommt man auch recht schnell. Herr Westerwelle hat da einfach kein Fingerspitzengefühl. Daher das Wort von der sozialpolitischen Abrissbirne. So kommt man nie dazu, tatsächlich einmal über die soziale Situation in Deutschland nachzudenken, jeder schaut doch nur, dass er möglichst weit weg von Westerwelle ist. Der hat ja sogar unrecht, wenn er mal was richtiges sagt. Weil es schon eine Rolle spielt, wer etwas sagt und wie er es sagt.

Also, das war die Nachricht von Bruder Barnabas an Herrn Westerwelle: So klingt das, wenn Sie reden. Das sind die Assoziationen, die man da haben kann. Westerwelle hat sich sehr echauffiert. Er will nie wieder eingeladen werden, sagt er. Aber vermutlich verträgt er wenig Kritik.

Und hat wenig Humor, mangels Herz.

 

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