SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Montag 24. Januar 2011

Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen
Emanuel Schikaneder (Die Zauberflöte)

 

Fidelio auf der Großbaustelle

Eine abstruse Geschichte, wie sie nur in der Oper passiert. Ein Mann, Don Florestan, wird von seinem Feind, Don Pizarro, unrechtmäßig in den Kerker geworfen. Die Ehefrau des Gefangenen, Leonore, eilt zur Befreiung ihres Mannes. Dafür nennt sie sich Fidelio, verkleidet sich als Mann und keiner merkt es. Klappt in der Oper regelmäßig, im wirklichen Leben eher selten. Sie verdingt sich als Gehilfe des Kerkermeisters Rocco und kundschaftet die Lage aus.

Für Don Pizarro spitzen sich die Ereignisse zu, als der Minister seinen Besuch ankündigt: Alles würde auffliegen, der Minister ist ein Freund des Don Florestan. Er versucht Rocco zu überreden, den Gefangenen zu töten, und als der sich weigert, muss er wenigstens ein Grab schaufeln. Für eine Oper ungewöhnlich: Alles geht gut aus. Gerade als Don Pizarro Don Florestan ermorden will, kommt der Minister und die treue Leonore kann die Tat in letzter Sekunde vereiteln. Ende gut, alles gut.

Beethoven hat nur diese einzige Oper geschrieben, die dafür immer wieder und wieder. Das Publikum war lange nicht zufrieden. Auch moderne Aufführungen haben wenig Hemmungen, selbst in die Musik einzugreifen und Dinge wegzulassen oder hineinzubringen, die Beethoven da nicht so gesehen hätte. Auch am Libretto wurde laufend gefeilt. Da diese Oper aber von einem der größten Genies der Musikgeschichte stammt und gleichzeitig das Thema „Freiheit“ thematisiert, wird sie immer wieder aufgeführt – heute ist sie sakrosankt und über ihre Qualität wird nicht diskutiert.

Meine Lieblingsoper ist sie nicht, aber das ist kein Grund, sie so zu behandeln, wie es ihr derzeit in München angetan wird. Verantwortlich für die Inszenierung ist Calixto Bieito. Wikipedia ist recht kurz angebunden:

Calixto Bieito, geb. 1963, Direktor des „Teatre Romea“ in Barcelona, ist ein spanischer Regisseur, der sich als „Skandalregisseur“ mit modernen, meist gewalttätigen oder bewusst sexualisierten Inszenierungen von Opern einen Ruf geschaffen hat.

Nun, ich gebe zu, ich war nicht ganz vorurteilsfrei in der Oper. Ich mag es nicht, wenn jemand die Kunst eines anderen missbraucht, um sich selbst zu inszenieren. Ich mag es nicht, wenn jemand irgendeinen winzigen, völlig unbedeutenden Aspekt der Handlung zur Hauptsache macht, nur um jedem zu demonstrieren, dass ihm da was aufgefallen ist. So bekommen die Eunuchen in der ansonsten so fröhlichen Oper „Entführung aus dem Serail“ blutige Windeln angezogen. Hat mit der Handlung nichts zu tun, aber vielleicht weiß irgendjemand im Publikum gerade nicht, wie aus einem Mann ein Eunuch wird. In Dvoraks Oper Rusalka spielt die Rehjagd eine Rolle. Eine kleine Rolle, so klein, dass sie in Opernführern nicht einmal erwähnt wird. Für den Regisseur der aktuellen Münchener Aufführung, Martin Kušej, ist eine Rehjagd erst authentisch, wenn dabei tote Rehe auf der Bühne zu sehen sind. Gehäutete Rehe. Da hat das Publikum Glück gehabt, denn in Rusalka geht es auch um Wassermänner, ohne daß das Publikum naß gemacht wird.

Und nun also Fidelio. Spielt im Kerker. Alles klar, da sind die Leute unfrei. Das weiß keiner, das muß dem Publikum klar gemacht werden. Aus dem tiefen Verlies wird eine Art Baugerüst, an dem beständig herauf- und heruntergeklettert wird. Und damit niemand Höhe mit Freiheit verwechselt, sind alle Protagonisten mit Drahtseilen angebunden. Oder sie baumeln von der Decke an Schnüren. Nicht wie Marionetten, eher wie Nichtschwimmer. Lustiger Nebenaspekt: In der Pause allerorten Diskussionen, ob die Drahtseile ein weiteres Mätzchen der Regie sind oder Vorschrift des deutschen TÜV. Der TÜV erschien vielen wahrscheinlicher.

Für Erläuterungen in der Oper ist normalerweise das Libretto zuständig. Calixto Bieito kann damit weniger anfangen – all diese altmodischen Texte von Joseph Sonnleithner bzw. Georg Friedrich Treitschke, lästig. Da nimmt man besser Sachen, die man selber kennt. Cormac McCarthy bietet sich an, Jorge Luis Borges sowieso. Hat zwar nichts mit der Oper zu tun, passt aber irgendwie, das muß reichen. Also raus mit den deutschen Texten. Gesungen wird noch deutsch, aber Bieito kann das vielleicht nicht. Und so kommt es, daß in der ergreifenden Schlußszene, da, wo das wieder vereinte Ehepaar von der Lust singt, wieder zusammen zu sein, und zwar Brust an Brust, des Reimes willen, daß eben da das Ehepaar, auf dem Bauch auf der Bühne herumkriecht, jeder für sich. Sie singen dennoch von „Brust an Brust“. Unfreiwillige Komik.

Was aber um alles in der Welt hat Batman mit Beethoven zu tun? Der Minister tritt zwar auf, aber er sieht nicht aus wie ein Minister. Es handelt sich eindeutig um den Joker, den ewigen Gegenspieler von Batman. Reichlich unmotiviert. Das gilt auch für Beethovens Streichquartett op. 132 a-Moll. Hat nichts mit Fidelio zu tun, aber man kann es ja kürzen(!), die Musiker in Käfige sperren (ja, ja, ja, die Unfreiheit), und einfach so mitten in der Oper aufführen. Beethoven ist selbst nicht auf die Idee gekommen, ein Glück, daß sich wahre Künstler dieser Oper annehmen.

Im ersten Akt war der Kerker irgendwie eine Art Baugerüst. Nach der Pause kippt das Baugerüst nach hinten. Langsam und von Kerkergeräuschen begeleitet. Die sich übrigens ziemlich nach Großbaustelle anhören. Calixto Bieito erinnert damit sicher daran, daß Hochtief von der Grupo ACS geschluckt wird. Die spanische ACS wird eine ziemlich deutsche Einrichtung opfern. Sie werden selbstsüchtig Hochtief das Blut aussaugen und sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln. Doch zurück zu Fidelio:

Diese Symbolik habe ich sofort verstanden.

Bildquelle: www.bayerische.staatsoper.de (Ausschnitt)

 

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