SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Samstag 22. März 2008

Um einander zu achten, muß man sich zunächst kennen.
Pierre Baron de Coubertin

 

Boykott

Pierre Baron de CoubertinWer mich kennt, weiss, wie brennend mich passiver Sport interessiert, also Sport, der stattfindet, indem jemand anderes schwitzt und rennt und irgendwas wirft. Oder einwirft, in Form von Tabletten, Spritzen oder auch nur eigenem Blut. Die Betonung liegt auf „jemand anderes schwitzt“. Gut, vielleicht ist es Geld­ver­schwen­dung, dass mich das nicht interessiert, denn immerhin wird es auch von meinen Steuergeldern finanziert. Aber ich verkneife mir das, denn dafür gehe ich gerne in die Oper, und da gilt dasselbe.

Ich boykottiere also Passivsport aus Gewohnheitsgründen. Daher ist es mir technisch nicht möglich, die nächsten Olympischen Spiele so zu ignorieren, dass es jemandem auffiele. Aber wieso sollte ich das auch tun?

Ach, Tibet, natürlich! Dieses Land ist groß und wunderschön und hat mich schon als Buben fasziniert, als ich das Buch „Ihr Ritt nach Lhasa“ von Karl Rolf Seufert gelesen habe. Ich weiss nicht mehr, worum es da ging. Ich weiss nur noch, dass mich die Geschichte fasziniert hat. Vor allem der Name „Lhasa“. Genau so wie der Name „Shangri-La“. Natürlich habe ich zuerst geglaubt, dass es beide gibt, und später war ich überzeugt, dass es beide nicht gibt. Nun ja. Heute gibt es vermutlich eher Shangri-La als dieses Lhasa. Armes Tibet, von den Chinesen annektiert.

Nun finden also die Olympischen Spiele in Peking statt. Nach guter olympischer Tradition übrigens wörtlich zu nehmen, in Peking. Nicht in China. 1972 mussten Silbermünzen wieder eingeschmolzen werden, die jubelnd von den Olympischen Spielen in Deutschland sprachen. Die dem Einschmelzen entgingen sind heute ein Vermögen wert, im Gegensatz zu ihren korrekten Brüdern mit der Prägung „München“.

Also Peking. Nicht Peking, California sondern Peking, China? Huch? Die Spiele finden völlig überraschend in China statt? Und die Chinesen haben auf einmal Tibet annektiert? Und man erfährt, sie nähmen es mit dem westlichen Wertekanon inklusive Demokratie und Menschenwürde nicht so genau… Da darf man natürlich nicht hinfahren. Sagen die Heuchler. Als ob das IOC das nicht gewusst hätte, als sie Peking ohne weitere Auflagen als Austragungsort der XIX. Olympischen Sommerspiele ausgewählt haben. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich wäre damals bereits gegen Peking gewesen. Aber nun auf einmal nicht mehr dafür zu sein ist Heuchelei zu Lasten junger Menschen, die vermutlich den größten Teil ihres bisherigen Lebens hauptsächlich damit zugebracht haben, sich auf dieses Ereignis vorzubereiten.

Also: Hinfahren. Parallel kann ja vielleicht die deutsche Politik sich darum kümmern, den Chinesen ins Gewissen zu reden. Wobei das vermutlich desto schwieriger wird, je näher man kommt. Ich weiss nicht, wie in Deutschland kommentiert würde, wenn die Bayern endlich wieder ihre Unabhängigkeit erklärt hätten, die Preußen einmarschiert wären und dann die Chinesen mit Berlin über Bayern diskutieren wollten. Der Vergleich hinkt, ich entschuldige mich sicherheitshalber.

Umgekehrt stelle ich mir ein befreites Tibet auch nicht gerade als Muster an Demokratie und Gleichberechtigung vor. Vielleicht wäre dort Gewaltfreiheit auch mehr Ziel als Realität. Aber ich bitte um Verzeihung, ich will nicht so anmaßend sein, mich über tibetanische Rechte zu äußern. Mir geht es um Heuchelei.

Also kein Boykott. Nachdem amerikanische Feministinnen vorgeschlagen haben, hinkünftig auch von „hertory“ zu reden, nicht immer nur von „history“ und nachdem meine Selbstgerechtigkeit etwas gelitten hat (siehe „Moslems“ vom 18.3.2008) spreche ich vielleicht von

Girl-and-Boykott.

 

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