SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Sonntag 13. April 2008

 

Die Empfehlungen der OECD (1)

OECD MitgliederEs gibt eine Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit dreißig Mitgliedsstaaten. Diese Staaten lassen sich am besten mit „hauptsächlich Europa und Nordamerika“ umschreiben und die Organisation heißt abgekürzt nach ihrem englischen Namen OECD.

 

Dass die OECD nicht dazu da ist, das Deutsche Bildungssystem zu bejubeln, wissen wir spätestens seit dem jähen Flop der deutschen Schüler bei der Pisa-Studie. Wobei zwar bei uns der Haussegen schiefhing, nicht jedoch der Turm, denn im Gegensatz zu Bologna ist die kleine Stadt Pisa in Oberitalien völlig unschuldig an der Assoziation mit ihrem Namen. PISA ist ein Akronym für „Program for International Student Assessment“. 

Über PISA wurde schon viel geschrieben. Klar, der Wettbewerb benachteiligt deutsche Kinder, allein schon wegen der Sprache. Kein Wunder, dass die Finnen so gut abschneiden, deren Sprache ist so einfach, dass sie noch Zeit haben, nebenher richtig gut Autorennen zu fahren. Oder vielleicht haben die Finnen einfach nur Glück gehabt, denn die Auswahl der PISA-Kinder ist doch ein arges Glücksspiel gewesen.

Und so weiter. Schon beruhigend, dass für so viel Geld also nichts Ernstzunehmendes herauskam. Oder ist da vielleicht doch ein bisserl Restunsicherheit übrig? Das Bildungssystem scheint nahe des Solar Plexus zu sitzen. Jede Kritik an unserem Bildungssystem wird sofort als Angriff unter der Gürtellinie gesehen. Gleichzeitig hört man selten so viel dummes Zeug wie bei der Diskussion darüber, wie wir unseren Kindern die Zukunft ebnen wollen. Verschärft wird die Sache durch die völlig überholte Schulpflicht. Ging es einst darum, Kinderarbeit in Deutschland einzudämmen, so geht es heute darum, einen staatlichen Anspruch auf Formung und weltanschauliche Weichenstellung zu untermauern. Daher sind wir alle unserem Schulsystem ausgeliefert. Privatschulen, so sie denn überhaupt theoretisch einen Ausweg darstellen, sind nicht für jedermann zu finanzieren. Auch haben wir uns in Deutschland, seit ich denken kann, privilegiert gefühlt wegen der Qualität der staatlichen Schulen. Privatschulen glichen Behinderungen aus, Insubordinationsschwierigkeiten oder elterliche Überforderung. Und bevor ich verallgemeinere: Das war unser Gefühl als bayerische Schüler in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. 

Wir haben die Hessen bedauert, die jährlich ein neues Schulsystem bekamen und deren Kinder schrecklich leiden mussten, wenn es die Eltern nach Bayern verschlug. Und wir haben die Amerikaner bedauert, die auf Privatschulen angewiesen sind, was weite Kreise der Bevölkerung von vernünftigen Schulen fernhält.

Wir haben die Franzosen bedauert, die so viel auswendig lernen mussten. Und wir haben die Preußen bedauert, die mit den Fächern Kajakfahren und Töpfern Abitur machen konnten – und dann in keinem vernünftigen Land der Welt ohne Zusatzprüfungen eine Universität von innen sehen durften.

Wir haben die Finnen bedauert, die zu siebzig Prozent das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife bekommen (sehr zur Freude der OECD), dann aber nur zu 20% studieren dürfen dank eines gnadenlosen Ausleseprozesses der Universität – wozu dann der Abiturstress? Und wir haben die Österreicher bedauert, nein. Stop. Die haben wir beneidet. Die haben in zwölf Jahren, also ein Jahr vor uns, einen Grad an Allgemeinbildung erreicht, von dem wir selbst in Bayern nur träumen konnten.

Wieso fragen wir also nicht einfach die Österreicher?

 

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