SvB-Blog

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

Dienstag 29. April 2008

Was wäre der Mensch ohne Telefon? Ein armes Luder. Was ist er aber mit Telefon? Ein armes Luder.
Kurt Tucholsky

 

All you can eat

All you can eatKein Gerücht mehr: Arcor wirft seine Flatrate-Kunden raus, sobald sie ernsthaft Gebrauch von ihrem Tarif machen. Die Nachricht machte schnell die Runde. Frankfurter Allge­meine Sonn­tags­zeitung, Spiegel Online, die schlecht unter­scheid­baren Boulevardmagazine im Privatfernsehen, alle berichteten.

Sogar das Manager-Magazin schrieb:

Arcor droht Vieltelefonierern

Der Festnetzanbieter Arcor droht Nutzern eines Billigtarifs mit Kündigung, wenn sie zu viel telefonieren. Laut einem Zeitungsbericht verschickt das Unternehmen Mahnbriefe an Kunden, die häufig eine Auslands-Flatrate nutzen.

Sprachlich ist das interessant: Wie kann man eine Flat Rate „zu viel“ nutzen? Wenig später wird es noch deutlicher:

Ein Arcor-Sprecher verteidigte das Vorgehen gegenüber der Zeitung: „In der Vergangenheit haben wir immer wieder Missbrauch festgestellt“, sagte der Sprecher. Arcor habe das Recht, die Flatrate zu kündigen, wenn der Verdacht der gewerblichen Nutzung vorliege.

Der Verdacht allein genügt, die Flatrate werde nicht nur privat genutzt. Und so ein Verdacht ist schnell konstruiert. Wer nahe Verwandte im Ausland hat oder gar eine Liebschaft wirkt eben gleich professionell. 50 Stunden klingen viel und sind doch gegebenfalls schnell beieinander. Eine Mogelpackung also?

Flat Rates funktionieren am besten, wenn die Augen größer sind als der Magen. Das ist Psycho­logie. Nehmen wir an, drei Varianten stehen zur Auswahl für, sagen wir, Inlands­fest­netz­tele­phonie:

  • Tarif 1: Die Minute kostet 1,6 ct. Keine Grundgebühr.
  • Tarif 2: 4,95€ Grundgebühr, die Minute kostet 0,95 ct.
  • Tarif 3: 9,95€ Grundgebühr. Keine Minutengebühren.

Was ist der beste Tarif? Der erste ist sicher der billigste bis man zehn Stunden vertelephoniert hat. Zwanzig Minuten, jeden Tag. Dann ist der dritte günstiger. Der mittlere ist nie der beste Tarif, höchstens bei Vieltelephonieren mit stark schwankender Nutzung pro Monat. Wer hätte das gedacht?

Das Prinzip ist auch anwendbar für Internetzugänge, Lokalbesuche, Bahnfahrten oder, ganz neu, Brillen. Es macht einfach mehr Spaß, pauschal zu rechnen. Vermutlich handelt es sich um atavistische Verhaltensmuster, denn das ganze funktioniert offensichtlich auch dann, wenn man den Mechanismus durchschaut.

Flat Rates sind einfach eine Wette. Wer eine Flat Rate wählt, hofft, mehr zu konsumieren als der Durchschnitt, zumindest aber mehr als das, was er konsumiert hätte, hätte er den Konsum direkt bezahlt. Der Flat-Rate-Nutzer ist in der angenehmen Situation, billiger zu telephonieren, je länger er telephoniert, zumindest relativ. Verschwendung wird zur Strategie. Somit verbrauchen alle ein bißchen mehr, was endlich die am härtesten bestraft, die weniger verbrauchen als der Durchschnitt.

Auf dieser wackeligen Grundlage fußt die Moral hinter Arcors Rauswürfen. Wir wissen nicht, ob Arcor wirklich in Bedrängnis geraten wäre, hätten sie hier nicht Nerven gezeigt. Vielleicht war zu aggressiv geworben worden, vielleicht stimmte das Mischungsverhältnis der Kunden nicht mehr. Vielleicht sind 4 € auch einfach zu wenig für eine Auslandsflatrate – dennoch wirbt Arcor immer noch mit dem Tarif.

Flat Rates sind für beide ein Risiko, Anbieter wie Nutzer. Aber das Spiel kann für beide aufgehen. Ein Lokal, das mit einer Flat Rate wirbt – hier eher „all you can eat“ genannt – profitiert möglicherweise von Leuten, die versuchen, das Lokal zu schädigen. Eine Horde Jugendliche kommt, alle bezahlen, aber nur zwei halten durch beim Wettessen. In Bayern sagt man „Lieber den Magen verrenkt als dem Wirt was g’schenkt“. Der Laden ist allerdings unterdessen gerammelt voll und Getränke gehen extra. Die Gäste haben ihren Spaß, der Wirt auch. Voilà, so funktioniert es.

Und nun wissen wir auch, wieso Flat Rates bei der Einkommensteuer nicht funktionieren. Da die meisten Menschen glauben, weniger zu verdienen als der Durchschnitt, wollen sie gestaffelte Steuern. Dabei würden dieselben Mechanismen gelten wie oben: Gefühlt wären es weniger Steuern, die Steuereinnahmen wären dennoch höher und die Verwaltungsausgaben vernachlässigbar. Aber das Geschrei war ja schon groß bei der sogenannten „Flat Tax“ – keine Flat Rate, sondern eine lineare Steuer. Eine Kopfsteuer wird hierzulange keine Mehrheit finden, selbst wenn die Hälfte der Leute danach weniger zahlen müßte als vorher. Muß man nicht verstehen.

In einem asiatischen Lokal in München, neulich: Ein Gast, befragt, ob er á la carte essen wolle oder all you can eat vom Buffet, antwortete nach kurzem Zögeren: „Kein all-you-can-eat.

So viel schaff‘ ich heute nicht!“

 

Ein Kommentar zu “All you can eat”

  1. SoGC sagt:

    Das erinnert mich an den einzigen Schottenwitz, den ich kenne:

    Was macht ein Schotte, wenn er Hühneraugenpflaster findet?
    – Enge Schuhe kaufen!

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