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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Donnerstag 18. September 2008

Je mehr Gesetze, desto mehr Diebe und Räuber.
Laotse

 

Piraten ohne Schiff

Pirat (Playmobil)Bei einer Podiumsdiskussion während eines eco-Kongresses prallten die Meinungen aufeinander: Das überraschte nicht sonderlich, auf der einen Seite stand die Musikindustrie, auf der anderen die Internetprovider. Diese bringen bekanntlich das Internet zu den Menschen, das böse Internet, von der Musikindustrie als existentielle Bedrohung empfunden, und das nicht einmal so ganz zu Unrecht. Das Wort „Musikindustrie“ ist übrigens ziemlich scheußlich, „Musik“ und „Industrie“ gehört zusammen wie „Literatur“ und „Fabrik“. Aber das gibt es ja auch

Nun, es handelt sich um eine Industrie, halten wir das fest, um Künstler geht es hier erst in zweiter Linie. Diese Industrie ist noch nicht sonderlich alt, entstanden erst nach der Erfindung der Schallplatte. Kaum ein Künstler wäre in der Lage gewesen, die vergleichsweise teure Fabrikation von Schallplatten zu finanzieren. Mit der industriellen Vervielfältigung wurde die „große“ Musik für mehr Menschen denn je erschwinglich. Eine Caruso-Platte war billiger als ein Billet für ein Caruso-Konzert, man konnte sie mehrfach hören, und man konnte sie weitergeben. Das gilt auch heute noch, wenn man anstatt Caruso inzwischen etwa Roger Cicero, oder, wenn es sein muss, „Tokyo Hotel“ nimmt. Damit verschwand einiges an Vielfalt, hauptsächlich wurden viele Livemusiker brotlos.

Kopierschutz im 18. Jahrhundert

Mit der Vervielfältigung der eingespielten Musik kamen auch weitere Probleme: Kein Musiker konnte mehr kontrollieren, wo er zu hören war. Vorher hatte dies allenfalls die Komponisten betroffen – man erinnert sich an das Miserere des Komponisten Allegri. Es durfte nur in der Sixtinischen Kapelle aufgeführt werden und daher war es bei Strafe verboten, die Partitur abzuschreiben. Wirkungsvoll, bis der junge Mozart vorbeikam, der sich das Stück zuerst anhörte und die Partitur erst danach komplett aus dem Kopf abschrieb. Mit vierzehn, um das nicht unerwähnt zu lassen, wenn man der Hagiographie denn trauen darf.

Mit den Phonographen waren neben den Komponisten nun auch die ausführenden Musiker, die Interpretationskünstler, mit der Befürchtung konfrontiert, weniger Konzertbesucher zu haben, da sich das Publikum in Schallplattenläden selbst versorgen konnte. All diese Probleme traten nicht ein, im Gegenteil, durch die Vermarktung und Verwertung von Musikrechten verdienten Künstler auf einmal richtig Geld. Welcher Musiker vor dem 20. Jahrhundert ist denn durch seine Kunst richtig reich geworden? Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass man nun sogar noch reicher werden konnte, trotz fehlender Solistenfähigkeiten: als Musikmanager, Produzent oder Rechteverwerter.

Der Anfang vom Ende

Und dann der Erdrutsch: Die Erfindung des Kassettenrecorders. Das Tonbandgerät hatte schon Misstrauen erregt, aber mit dem Kassettenrecorder wurde diese Technik wirklich erschwinglich. Nun konnten Platten von jedermann überspielt werden, vervielfältigt, ohne dass die Musikindustrie dafür Geld bekam. Den Musikern war das zunächst nicht so unrecht, denn ein Musiker profitiert von der Verbreitung seiner Musik und der damit wachsenden Bekanntheit. Sei es durch besseren Besuch und höhere Dotierung seiner Live-Auftritte, sei es dadurch, dass ein echter Fan sich irgendwann natürlich doch die Platten kauft, wenn auch vielleicht mit zehn Jahren Verspätung. Anders die Reaktion der Industrie, die es inzwischen zu exorbitanten Umsätzen gebracht hatte, aber nun ihre Felle davonschwimmen sah.

Wer konnte damals ahnen, wie es weiterging? Heute gibt es das Internet und es gibt das MP3-Format. Niemals in der Geschichte der Menschheit war es so einfach, an bestimmte Musikstücke heranzukommen. Und niemals war es allen, auch Menschen mit schmälerem Einkommen, so einfach, an der Musikkultur zu partizipieren. Wobei schnell übersehen wird, dass das Herunterladen von Musik aus dem Netz manchmal nicht legal ist. Schnell greift ein Download vielleicht in Rechte der Musikindustrie ein, die wiederum behauptet, im Interesse der Künstler zu handeln, wenn sie zum Halali gegen nicht lizensiertes Herunterladen bläst. Wie sie dies tut, läßt tief blicken. Sie beißt um sich, wie ein verwundeter Löwe, der von Hunden umringt ist.

Kriminalisierung statt Kreativität

Es beginnt mit der Sprache. Wer denkt sich diese Wörter aus! Piraten! Raubkopierer! Raub? Raub ist ein Verbrechen, Piraterie erst recht, im Gegensatz zu Urheberrechtsverletzungen. Wer Musik kopiert, bewegt sich häufig auf perfekt legalem Boden. Privatkopien waren und sind natürlich erlaubt. Und wenn jemand einem Freund ein Musikstück zuschickt, „Hör Dir das mal an!“, dann ist es völlig absurd, von einem Verbrechen zu reden, beim Sender ebenso wie beim Empfänger. Natürlich gibt es wirklich schwarze Schafe. Musikstücke aus dem Internet auf CD zu brennen und dann per Ebay zu vertreiben, das ist strafbar und niemand wird ernsthaft behaupten wollen, das nicht zu wissen. Aber Raub wird dennoch härter bestraft, keine Frage. Raubkopierer… die Musikindustrie hat diese Ausdrücke allerdings nicht erfunden, das muss nun zu ihrer Ehrenrettung gesagt werden. Diese Ausdrücke stammen aus dem letzten Jahrhundert und wurden von der Softwareindustrie ersonnen.

Softwareindustrie? Noch so ein Dinosaurier. Der Krieg ist aus, auch wenn immer noch immer noch bisserl gekämpft wird. Frei kopierbare Software ist heute oft besser als kommerzielle Software. Manche Softwarehersteller haben das nicht überlebt, manche kämpfen um ihre Pfründe, wieder andere haben sich mit der neuen Weltordnung arrangiert und fahren damit bisweilen besser als je zuvor. Die von der Softwareindustrie prophezeite Verschlechterung des Angebots ist ausgeblieben, im Gegenteil! Wer will, kommt vollkommen ohne Lizenzen, Kopierschutz oder gar so archaische Dinge wie Dongles oder License Manager aus.

Wieso sollte es mit der Musik anders laufen? Um die Musiker muss man sich keine Sorgen machen. Viele machen es vor und nutzen das Netz als Chance, nicht als Bedrohung. Während eine neue Zeit unwiderruflich angebrochen ist, rechnet die Musikindustrie alten Zeiten nach: Zig Millionen von ihr so genannte illegale Downloads richten einen Schaden in Milliardenhöhe an. Ja? Das heisst wohl auch, dass hier Milliarden verdient wurden, wenn so ein „Schaden“ überlebt wird. Heerscharen von Anwälten und gigantische Drohkulissen werden aufgeboten. Die Staatsanwaltschaft wird so überstrapaziert, dass sich in einigen Bundesländern die Staatsanwälte weigern, den harmloseren Fällen nachzugehen.

Das Ende vom Lied

Auf der Jagd nach den „Piraten“ läßt die Industrie nichts unversucht. Sie fordern von den Providern, Anschlußinhaber zu benennen, damit sie sie verfolgen können, obwohl nicht bewiesen wird, dass der Anschlußinhaber mit dem „Täter“ identisch ist. Sie fordern von den Providern, bestimmte Verkehrsdaten zu analysieren und zu überwachen, und im Fall von Verstößen Verwarnungen auszusprechen, natürlich wieder gegen den Anschlußinhaber. Weigert sich der Provider, kommt die juristische Keule mit dem verletzten Grundrecht auf Schutz des Eigentums. Dass die informationelle Selbstbestimmung auch ein Grundrecht ist, ist für sie von untergeordneter Bedeutung.

Nun wird es der Musikindustrie nicht anders ergehen als all den anderen Industrien. Der wirksamste Schutz der Investitionen wird nicht eine Drohkulisse und die Kriminalisierung der Kunden sein. Wirksam wird allein die Kreativität sein. iTunes führt vor, dass man für ein Musikstück problemlos einen Euro kassieren kann. Sonst ergeht es der Musikindustrie wie den Fräuleins vom Amt, den Lokomotivheizern, den Türmern: Eine neue Technik brachte sie ins Geschäft und eine noch neuere Technik

machte sie überflüssig.

 

2 Kommentare zu “Piraten ohne Schiff”

  1. SvB-Blog » Blogarchiv » Ablenkungsmanöver sagt:

    […] Piraten ohne Schiff […]

  2. SvB-Blog » Blogarchiv » Alter Schwede sagt:

    […] somit direkt Zu­griff be­kom­men soll, um ihre “Räuber” und “Piraten” zu fangen. Bei uns be­darf es des Um­wegs über Europa nicht. Manche […]

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