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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Montag 16. Juli 2012

TANSTAAFL – There Ain't No Such Thing As A Free Lunch
Robert A. Heinlein

 

Mythos #10: Niemand ist bereit, für Leistung im Internet zu bezahlen

Dieser Mythos ist so einfach zu zerstören, daß sich dafür eigentlich kein eigenes Kapitel lohnt. Dennoch werden wir feststellen, daß es wirklich Unterschiede gibt zwischen der Welt im Internet und der Welt „draußen“, die man auch gelegentlich Realität nennt.

Es lohnt sich schon, einen Blick in die Geschichte des Internet zu werfen, um zu verstehen, wie „Netzkultur“ funktioniert. In den 80ern entstand etwas neues, etwas, das es vorher noch nie gegeben hatte. Ein Netz, das sich aus Idealismus speiste, das rein privat betrieben wurde. Das war noch nicht das Internet, das kam erst später zu uns, aber eben auch nicht BTX, das viel zu reglementiert und kontrolliert war und zu teuer.

Bei der sogenannten DFÜ-Szene (DFÜ: Datenfernübertragung) ging es zunächst über einzelne Mailboxcomputer. Man wählte sich per Modem ein und legte Dateien ab für andere oder holte sich etwas. „Saugen“ hieß Download damals auf deutsch. Der Mailboxcomputer war sehr häufig das teure Hobby seines Besitzers, alle Benutzer verstanden sich als Gemeinschaft und jeder suchte, der Gemeinschaft etwas wiederzugeben, wenn er etwas bekommen hatte.

Sehr schnell vernetzten sich die Mailboxen untereinander, so daß man weltweit Mails verschicken und bekommen konnte (nur gab es recht wenig Menschen mit Emailadressen). Und es gab News. Das war ein Dienst, der heute beinahe bedeutungslos geworden ist. News stellt man sich am besten wie eine riesengroße Mailingliste vor, oder besser als viele Mailinglisten, die thematisch sehr sauber geordnet sind. Hatte man eine Frage zu dem Datenbankpaket von Informix, stellte man sie einfach in der Newsgruppe comp.databases.informix. Irgendwer machte sich dann schon die Mühe, eine Antwort zu tippen. Das waren durchaus Antworten, die als Beraterleistungen einiges an Honorar gebracht hätten. Wer einen guten Rat bekommen hatte, versuchte nun selbst, Fragen zu finden, die er beantworten konnte. Der Gemeinschaft etwas wiederzugeben, das war der Wunsch vieler. Dieses Verhalten kann man heute noch in den unzähligen Webforen beobachten. Wer etwas beisteuern kann, tut es gerne und meist ohne Erwartung einer direkten Gegenleistung. Das Netz ist der Dank.

Und wer von nichts eine beratungstaugliche Ahnung hatte? Was konnte der tun? Ganz einfach, irgendeine Software ins Netz stellen. Oder ein Musikstück. Oder Bilder, selbstkopiert aus einem Cartoon. Klare Copyrightverstösse, aber ohne jegliches Unrechtsbewusstsein. Was hat man denn davon, daß man das ins Netz stellt? Es kostet Zeit und Geld. Ja, auch Geld, denn Datenverbindungen waren damals sündhaft teuer. Und wenn es mir nichts bringt, ist es auch nicht verboten. So logisch wie „das hat sicher keine Kalorien, denn es schmeckt nicht“, aber nachvollziehbar.

Damit ist geklärt, woher die Tauschkultur kommt. Eine kommerzielle Nutzung, wie sie gerne von deutschen Amtsgerichten gesehen wird, ist das nicht. Und so wie sich aus paläolithischen Tauschgesellschaften mit der Zeit komplexere Handelsbeziehungen entwickelten, was zur Erfindung von Geld führte, so wurde auch das Geben und Nehmen im Netz komplexer. Das für mich beeindruckendste, was das Netz bis jetzt auf die Beine gestellt hat, ist Wikipedia. Myriaden von Arbeitsstunden wurden hier rein freiwillig geleistet, und die Nutzung ist dennoch frei. Selbst die Nutzung durch Journalisten, die sich gelegentlich fast wörtlich dort bedienen, die sich umgekehrt aber sehr aufregen können, wenn jemand ihre Texte bei sich einbaut. Selbst wenn dieser jemand Wikipedia selbst ist, weswegen dort peinlichst genau auf die Rechte der eingestellten Inhalte geachtet wird.

Leistung wird also durch eine Leistung an der Gemeinschaft bezahlt. Gemeinsam geschaffene Inhalte sind dadurch perfekt finanziert. Und für die Dinge, die doch wieder von Unternehmern ins Netz gestellt werden? Viele sind kostenlos. Aber, wie Robert A. Heinlein 1966 in seinem Roman „The Moon Is a Harsh Mistress“ gesagt hat, TANSTAAFL – There Ain’t No Such Thing As A Free Lunch. Man bezahlt entweder freiwillig. Ja, das funktioniert auch, wie es in der Softwarewelt durch Shareware vorgeführt wurde, oder wie sich im Dienst „flattr“ ein Ansatz zeigt, Texte finanziell zu belohnen. Oder man bezahlt durch Preisgabe von Daten, womit typischerweise der Anbieter punktgenau Werbung verkaufen kann, was sich bei ihm durch hohe Werbeeinnahmen niederschlägt.

Und für den Rest? Wird ja bezahlt, solange kein Alternativangebot existiert. Angesichts Wikipedia sind die großen Enzyklopädien dem Untergang geweiht. Schuld sind Menschen, die vermutlich selbst alle noch eine große Enzyklopädie haben, wenngleich eine, die inzwischen völlig veraltet ist. In meinem Brockhaus ist das Wort Internet erst im Ergänzungband zu finden. Schade um dieses Stück Kultur, aber nicht zu ändern. Langenscheid hatte lange Angst vor Leo (dict.leo.org), hat aber inzwischen erkannt, wie man durch sinnvolle Netzangebote und weiteren Mehrwert gegensteuern kann.

Die Frage ist also nicht, ob bezahlt wird, sondern, wie viel Budget vorhanden ist und wer davon wie viel abkriegt. Nun, wie viel Geld hat ein Jugendlicher oder ein junger Erwachsener oder ein Familienvater für Kulturelles zur Verfügung? Und was wird er davon kaufen? Jedenfalls herrscht angesichts endlicher Ressourcen ein kultureller Verteilungskampf. Kaufe ich Musikkonserven oder gehe ich ins Konzert? Abonniere ich Magazine oder Blogs? Kaufe ich ein Buch, leihe ich es in der Bibliothek, kaufe ich es gebraucht bei Amazon oder auf dem Flohmarkt oder schaue ich mir gleich den Film an? Oder warte ich, bis der Film im Fernsehen kommt, auch durch Werbung finanziert?

Das Budget jedenfalls ändert sich nicht wesentlich, nicht durch Konsum und auch nicht durch Konsumverzicht. Wieviel Taschengeld hat ein Sechzehnjähriger? Und was ist dann von der Aussage zu halten, daß dieser Jugendliche 50.000 Euro Schaden verursacht hat, weil er auf seiner Festplatte 50.000 Musiktitel gespeichert hat, die er alle geladen, aber nicht bezahlt hat? Und die er im ganzen Leben kaum alle hören können wird. Sind die Milliardenschäden, die die Musikindustrie angeblich erlitten hat, nicht genau dieselbe Milchmädchenrechnung?

Ich denke, die Umsatzeinbußen der Musikindustrie kommen eher daher, daß die fetten Jahre vorbei sind. Lange konnten Platten ein zweites Mal verkauft werden, als gleich nach der Vinylversion die CD herauskam. Die nächste Chance war das Internet, und die wurde von der Musikindustrie verpaßt. Die ersten Angebote für Musik im Netz waren nun einmal allesamt illegal. Und die ersten legalen Angebote waren weder komfortabel noch akzeptabel, was daran lag, daß die Musikstücke nur mit Einschränkungen abspielbar waren. Das nannte sich DRM – Digital Rights Management – und nervte, weil man beispielsweise Musik, die man bezahlt hatte, nicht mehr im Auto nutzen oder verleihen konnte. Trotzdem waren die ersten legalen Shops beliebt, allen voran iTunes machte schnell überzeugende Umsätze. Die Mehrzahl der Leute sind ja bereit, für Leistung eine Gegenleistung zu erbringen, und die 99 ct. von iTunes waren sehr gut gewählt. Zehn Titel pro Monat sprengen kein Taschengeldbudget.

Aber nicht nur bei iTunes wird bezahlt. Der neue Dienst Spotify zeigt, daß viele Nutzer durchaus bereit sind, für ein attraktives Angebot auch Geld auszugeben. In diesem Fall zehn Euro pro Monat für das Recht, nahezu alle Musik, die man sich vorstellen kann, zu hören. Und diese zehn Euro erinnern mich ziemlich an das Durchschnittsbudget, das wir früher für Platten ausgegeben haben, inflationsbereinigt.

So viel hat sich dann doch nicht geändert.

Bild: Heinleinkrater auf dem Mars. Quelle: NASA

——

Was bisher geschah:

Einleitung
Mythos #1: Geistiges Eigentum gibt es nicht
Mythos #2: Künstler haben es schwerer als früher
Mythos #3: Ohne das Internet ginge es den Künstlern besser
Mythos #4: Das Urheberrecht muß überarbeitet werden, weil sich durch das Internet alles geändert hat
Mythos #5: Das Urheberrecht sorgt dafür, daß alle Kreativen gleich fair behandelt werden
Mythos #6: Ohne Verwertungsrechte sähe die Musik heute ärmer aus
Mythos #7: Alles, was von Komponisten geschaffen wird, muss geschützt werden
Mythos #8: Das Leistungsschutzrecht verhilft den Verlagen zu ihrem gerechten Anteil am Kuchen
Mythos #9: Wenigstens hilft das Leistungsschutzrecht den Verlagen

 

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