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Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man eine hat (Heinrich Heine)

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Sonntag 30. März 2008

Überhaupt sind die Erzählungen von der Rechtlichkeit, Großmut, Gemütlichkeit und Milde der Römer meist Fabeln. Leute, die reich werden oder sonst große Erfolge aufzuweisen haben, sind oft unliebenswürdig, häufig sogar unausstehlich – und nur dann angenehm, wenn es in ihr Geschäft paßt. Ihr Erfolg summiert sich zum Teil aus kleinen Rücksichtslosigkeiten, die einzeln nicht gerade strafbar sind, und aus großen Rohheiten, denen sich niemand entgegenzustellen wagt. Auch ein bißchen Verlogenheit gehört dazu.
William Lewis Hertslet

 

Treppenwitz

Gel-HaarAm Flughafen: Endlose Schlange. Alle anderen Schlangen sind schneller. Neben mir das ungeduldige Kind, zappelig: Wann sind wir endlich dran?

Vor uns die obligatorische ältere Dame, die einen möbelwagengroßen Koffer als Handgepäck mitnehmen will, endlose Diskussionen.

Vorher bereits hatte es gedauert, bis aus den Tiefen eben dieses Schrankkoffers das Ticket produziert werden konnte. Das erlösende Machtwort: Der Koffer wird aufgegeben oder er bleibt in MUC. Basta. Verwünschungen über die „Servicewüste Deutschland“ murmelnd entfernt sich die alte Hexe. Vermutlich wird sie als nächstes versuchen, Kinder in ein Lebkuchenhaus zu locken.

Wir sind dran! Ich bücke mich nach dem Gepäck – nicht einfach, ein Koffer, ein Kinderkoffer, eine Jacke, eine Kinderjacke. Geschafft, ein Schritt nach vorne, aber zu spät. Wir blicken fassungslos auf die rückwärtige Ansicht eines Vordränglers. Und zeitgleich die Frage des Kindes: „wieso ist der dran und nicht wir?“.

Erklärungsnotstand. Der Adrenalinspiegel steigt. Buddha hätte gesagt, „selig sind die Geduldigen, denn die kommen genauso mit, aber ohne Magenschmerzen“. Gandhi hätte gesagt „wir kommen alle dran, gräme Dich nicht, sondern freue Dich an den Blumen, mein Kind“. Ich knurre „weil sich der Kerl vorgedrängelt hat“. Was besseres ist mir nicht eingefallen. Der solchermaßen Apostrophierte dreht sich um zischt empört „wie reden Sie denn über mich, vor dem Kind?“.

Ich erblicke Haargel und ein kariertes Hemd. Meine Nemesis steht vor mir. Um meine Fassung ist es geschehen. „Sometimes you gotta fight when you’re a man“ singt Kenny Rogers in meinen Ohren. Rote Kreisel tanzen vor meinen Augen. Der Steinzeitmann in mir zieht ganz atavistisch alles Blut aus dem Hirn ab und pumpt es in die Muskeln. Doch, ach, die Zivilisation hat mich wieder unter Kontrolle. Keine Schlägerei. Gut, aber wohin nun mit der Aggression? Ich zische „Depp“.

Wiebitte? Ist das alles, was mir einfällt? „DEPP“???? Ich hätte so viel sagen können. Eine kleine Liste von Möglichkeiten:

Wie reden Sie denn über mich, vor dem Kind?

  • Glück gehabt! Ohne das Kind hätte es sich anders angehört.
  • Für einen Mann mit einem so schlechten Benehmen haben Sie aber ein erstaunlich dünnes Fell.
  • Der Lauscher an der Wand hört seine eig‘ne Schand.
  • Oh, Sie haben also mitgekriegt, dass Sie hier nicht allein sind?
  • Das ist keineswegs der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, aber das Ende einer unerfreulichen Bekanntschaft.
  • Mir ist jetzt nicht danach, meine Zeit mit Smalltalk zu verplempern…
  • Wäre Ihnen „Rüpel“ lieber gewesen? Oder „Flegel“? „Impertinenter Bursche“? „Kerl“ reicht doch…

aber, heu meu, ich sage „Depp“. Ich darf auf Verständnis hoffen und finde sogar Gnade vor meinen eigenen Augen. Das mit der mangelhaften Blutversorgung für alle Körperteile, mit denen man nicht zuschlagen kann, also auch für das arme Gehirn, habe ich oben erwähnt. Was mir passiert ist, ist ein derartig häufiges Phänomen, dass es dafür sogar einen Namen gibt: Das war schlicht „Treppenwitz“ oder „Esprit de l‘escalier“. Ein wunderschönes Wort, das leider nur heute kaum noch einer richtig kennt bzw. verwendet, und das kam so: Denis Diderot darf wohl als Erfinder dieses Wortes gelten. Es beschreibt die Tatsache, dass man sehr häufig die scharfsinnigsten und schlagfertigsten Einfälle hat – nur leider erst, wenn man schon wieder am Weggehen, also auf der Treppe ist. „Witz“ steht hier also noch in seiner alten Form, nicht für Blödelei oder Schnurre, sondern für Geist, Esprit.

Einem gewissen William Lewis Hertslet fiel auf, dass wir dazu neigen, weltgeschichtliche Ereignisse anekdotisch auszuschmücken. Das Ei des Kolumbus hat es ebensowenig gegeben wie den hammerschwingenden Luther, der seine Thesen mit wuchtigen Schlägen an die Tür  der Schlosskirche zu Wittenberg heftete. So hat Hertslet in seinem Buch „Der Treppenwitz der Weltgeschichte“ alle möglichen geschichtlichen Irrtümer, Entstellungen und Erfindungen zusammengetragen, so auch der Untertitel des Buches.

Hertslet ist nun nicht gerade ein launiger Erzähler, eher ein penibler Zusammenträger von Fakten. Hauptberuf Bankier. So kam es, dass das Buch von erheblich mehr Menschen gekannt als gelesen wurde. Dennoch wurde der Treppenwitz zu einem geflügelten Wort. Und da keiner mehr wusste, um was es da ging, verwenden es so viele Leute falsch. Schauen wir doch mal, wer im Moment grad in den News mit dem Treppenwitz auftaucht. Heute findet man bei Google:

Backnanger Kreiszeitung Online:

Es sei schlicht ein Treppenwitz, die Menschen glauben machen zu wollen, dass in Zeiten, in denen Staus auf den Autobahnen rund um Stuttgart an der Tagesordnung seien und Navigationsgeräte mehr und mehr zur Kfz-Grundausstattung gehören, lediglich mit einer Zusatzbelastung von weniger als zwei Prozent des Gesamtverkehrsaufkommens zu rechnen sei, betont Untersteller

Ostsee-Zeitung

Und doch wäre es ein Treppenwitz, wenn der vom CDU-Vorstand gepuschte Ex-Grüne im nächsten Jahr mit seinen einstigen Parteifreunden über Schwarz-Grün im Bund mit verhandeln sollte.

Eine Pressemitteilung des DGB:

Ein Treppenwitz der Geschichte ist laut DGB auch der Umstand, dass der SPD – Mann Florian Gerster, ehemaliger Chef der Bundesagentur für Arbeit, als Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste die Niedriglohnkampagne von PIN und ähnlich agierenden Unternehmen vertritt und sogar die Beschäftigten zu einer „dienstlichen“ Demonstration gegen den Post – Mindestlohn veranlasst hat.

Lauter Missgriffe. Davon gibt es in diesem Monat bei Google News allein 20. Merkwürdigerweise sind es rein statistisch meist Leute, die mir nicht liegen. Schwätzer. Wichtigtuer. Gscheithaferl. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber es könnte sein, dass der dazugehört, dem wir den ganzen Artikel verdanken, eben dieser Kerl, der

Schnösel vom Flughafen.

 

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